Kühle Nachtluft. Dunkelheit. Nur die Sterne und der abnehmende Halbmond schimmern durch das Blätterdach des Waldes.
Glücksgefühl. Lauf. Wind im Gesicht. Der Geruch von … etwas unbekanntem.
Zwei Gestalten. Ein Donnern. Aufpeitschende Erde. Ein zweiter Knall. Flucht. Angst.
Ein dritter Schuss. Schmerz.

Der Wecker klingelte. Ein schauerliches Biepbiepbiep-Biep Biepbiepbiep-Biep riss sie aus dem Schlaf. Anna drehte sich auf die Seite und schlug so fest sie konnte auf den Knopf am Wecker. Er verstummte sofort.
Stöhnend drehte sie sich zurück auf den Rücken und zwang sich die Augen offen zu halten. Schwer atmend fixierte sie die Decke. Die Sonne schien warm und freundlich durchs Fenster.
Mit einem erneuten Stöhnen richtete sie sich auf und schüttelte den Kopf, so als würde dadurch der Schlaf von ihr abfallen.
Mit einem dritten Laut des Unmutes erhob sie sich und tappte ins Badezimmer. Sie zog das Nachthemd aus und stieg unter die Dusche. Das Wasser spülte wenigstens einen Teil der Müdigkeit von ihr ab.
Mit einem Handtuch um den Kopf, in einen Bademantel gehüllt und mit einer Tasse Kaffee in der Hand stand sie am Fenster und beobachtete, wie die Stadt, vom Sonnenlicht überflutet, zu leben begann. Von ihrem Stockwerk aus, konnte sie weit sehen.
Trotz der sommerlichen Temperaturen, die schon in den frühen Morgenstunden herrschten und der Hitze in ihrer eigenen Wohnung empfand sie es als wohltuend, zu spüren wie der warme Kaffee den Hals herunter floss.
Sie öffnete das Fenster, nahm einen weiteren Schluck Kaffee und schloss genießend die Augen. Die frische, wenn auch warme, Luft von außen umspielte ihre Nase. Der Kaffee durchlief ihren Mund und verschwand in ihrem Rachen.
Sie atmete tief ein und aus.
Plötzlich klingelte es an der Tür. Die Klingel riss sie derart unsanft aus der Ruhe, dass sie beinahe die Tasse hätte fallen lassen. Sie stellte sie auf den Küchentisch und ging zur Tür. Noch bevor sie da war, klopfte schon jemand dagegen.
„Jaja, ich komm ja schon“, murmelte sie, sicher, dass der Gast es nicht gehört haben konnte.
Vor ihrer Wohnungstür standen zwei Männer, die aussahen, als seien sie einem 20er-Jahre-Krimi entsprungen. Beide trugen einen braun-grauen dünnen Parker und eine Sonnenbrille. Der eine hielt sogar einen Hut in der Hand.
Anna sagte kein Wort, sah die beiden nur auffordernd an und hoffte, dass ihr Gesichtsausdruck auch jede Menge Ärger über die frühe Störung zum Ausdruck brachte.
Der mit dem Hut griff in seine Jackentasche und zog einen Ausweis heraus.
„Kriminalpolizei, Schwedt, guten Morgen. Das ist mein Kollege, Herr Graue.“, er nickte in Richtung des anderen Mannes, der Anna ebenfalls seinen Ausweis vor die Nase hielt.
„Sind Sie Frau Anna Draege?“
Perplex und erschrocken nickte Anna.
„Entschuldigen Sie die frühe Störung aber wir hätten ein paar Fragen an Sie, die nicht warten können. Dürfen wir eintreten?“, fuhr der Polizist fort.
Anna trat zu Seite und machte eine einladende Handbewegung.
Schwedt bedankte sich und die beiden Männer gingen an Anna vorbei.
Sie schloss die Tür und führte sie in die Küche, bot den beiden Männern einen Platz an und setze sich ihnen gegenüber.
Bewusst unterließ sie es, den beiden etwas zu trinken anzubieten.
„Wir wollen Sie gar nicht lange belästigen und kommen gleich zur Sache.“, sagte Schwedt, legte seinen Hut auf den Tisch und nahm die Sonnenbrille ab. Seine dunklen Augen wollten so gar nicht zu seinen kurzen, blonden Haaren passen.
Erneut griff er in die Jackentasche, mit der anderen Hand knöpfte er sich den Parker auf. Er zog ein Foto aus der Tasche, auf dem ein Mann wie auf einem Fahndungsfoto einmal von vorne und einmal im Profil abgebildet war. Ein Mann, den Anna kannte. Ein Mann, den Anna meinte zu kennen.
Schwedt legte das Foto auf den Tisch, sah Anna an und fragte: „Ist Ihnen ein gewisser Martin Reet ein Begriff?“
Anna nahm einen betont langen Schluck von dem Kaffee, die Augen nicht von dem Foto abwendend. Dann setzte sie die Tasse wieder ab und nickte etwas verwirrt. „Ja“
„Wir hätten ein paar Fragen zu ihm.“
„Steckt er in Schwierigkeiten?“, wollte Anna wissen.
„Nein.“, Schwedt sah kurz zu seinem Kollegen „Nein. Er steckt nicht in Schwierigkeiten.“ und nach kurzem Zögern fügte er hinzu „Noch nicht.“
Anna machte sich Sorgen. „Was ist mit ihm?“
Ohne auf ihre Frage zu antworten, stellte Schwedt seinerseits eine. „Ist es korrekt, dass Sie in den letzten – Monaten viel Kontakt zu Herrn Reet hatten?“
„Ja“, antwortete Anna verwirrt. „Aber warum suchen Sie nach ihm?“
„Wir suchen nicht nach ihm. Wir haben ihn gefunden.“, erklärte Schwedt kühl.
Anna wollte gerade eine nächste Frage stellen, als Schwedt ihr zuvor kam. „Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Herrn Reet beschreiben?“
„G-gut“, stotterte Anna.
„Ist Ihnen in letzter Zeit etwas Merkwürdiges bei ihm aufgefallen? Hat er sich in irgendeiner Form anders verhalten als sonst? Hat er anders gesprochen? Andere Kleidung getragen? Irgendwas?“
Anna schüttelte langsam den Kopf.
Schweigen. Ohne ein Wort zu sagen sah Schwedt Anna mit bohrendem Blick an.
Anna fühlte sich, als würde sie eine Ohrfeige bekommen, als er unvermittelt in die Stille hinein seine nächste Frage stellte: „Haben Sie mit Herrn Reet sexuellen Kontakt gehabt?“
Als wäre sie vorher betäubt gewesen, brach es plötzlich aus ihr heraus. Sie schlug auf den Tisch und rief: „Na, hören Sie mal. Vielleicht erklären Sie mir erst mal, was überhaupt los ist und ich bin mir sicher, egal, was Mart-, was mit Herrn Reet ist, diese Frage muss ich Ihnen nicht beantworten und geht nur mich etwas an!“
„Frau Draege“, setzte Schwedt an, aber Anna schnitt ihm das Wort ab. „Was ist los?“
Schwedt seufzte und schielte kurz zu Graue, dann sah er Anna direkt in die Augen und sagte mit ernster, kühler Miene: „Wir haben Grund zu der Annahme, dass es sich bei Herrn Reet um ein Mitglied einer verfassungsfeindlichen Vereinigung handelt.“
Anna sah die beiden Männer eine Weile lang an. Sie begann schneller zu atmen. Ihr Puls raste und sie begann zu schwitzen.
„Wir verstehen, dass Sie möglicherweise verwirrt sind und dass Ihnen diese Frage äußerst unpassend erscheinen wird aber ich muss Sie Ihnen trotzdem stellen: Haben Sie mit Herrn Reet geschlafen?“
„Was soll das?“, rief Anna.
Schwedt blieb ruhig. „Frau Draege, Herr Reet ist eine äußert gefährliche Person. Nicht nur, dass er kriminell ist, ebenso nehmen wir an, dass er eine Art geistige Behinderung hat und dass sexueller Kontakt irgendwelche Auswirkungen gehabt haben könnte.“
Anna bekam Angst. Sie konnte kaum glauben, was die beiden Männer versuchten, ihr klar zu machen aber was sollte sie dagegen sagen? Sie schüttelte erneut langsam den Kopf und hauchte ein „Nein“.
Schwedt atmete hörbar auf. „Ist er schon einmal hier, bei Ihnen gewesen?“, stellte er die nächste Frage.
„Nein.“, antwortete Anna.
„Hat er irgendwelche Kontaktdaten von Ihnen? Telefonnummer, E-Mail-Adresse?“
Anna verneinte abermals.
Schwedt zog eine Augenbraue in die Höhe. „Frau Draege, wir wissen, dass Sie sich in letzter Zeit oft mit Herrn Reet getroffen haben und all diese Treffen wollen Sie ohne vorherigen Kontakt ausgemacht haben?“
„Wir haben mündlich ausgemacht, wann wir uns wo das nächste Mal sehen und manchmal haben wir uns auch zufällig getroffen.“, erklärte Anna mit rauer Stimme.
Schwedt und Graue warfen sich einen vielsagenden Blick zu.
„Gut. Hören Sie zu. Es wäre das Beste für alle Beteiligten, wenn Sie den Kontakt mit Herrn Reet sofort einstellten. Er ist gefährlich. Mag sein, dass Ihnen das im Moment lächerlich erscheint, aber früher oder später wird er explodieren. Also halten Sie sich von ihm fern. Treffen Sie sich nicht mehr mit ihm und wenn Sie ihm zufällig auf der Straße begegnen, versuchen Sie ihn so schnell wie möglich abzuwimmeln und halten Sie sich nur dort auf, wo viele Menschen um Sie herum sind.“
Die beiden Männer erhoben sich. Anna stand auch auf. „Also, er hat keine Kontaktdaten von Ihnen und ist auch noch nie hier gewesen, richtig?“ Anna nickte.
Schwedt steckte das Foto wieder ein und ließ eine Visitenkarte auf den Tisch fallen. „Falls Sie Fragen haben oder mir etwas anderes mitteilen möchten, rufen sie mich an. Jederzeit.“ Die beiden Männer gingen zur Tür. Als Anna gerade hinter ihnen schließen wollte, drehte Schwedt sich noch einmal um und hielt seinen Fuß in den Türspalt. „Eine Frage habe ich noch. Hat er Privatgegenstände, Eigentum von Ihnen oder Sie von ihm?“
Anna schüttelte den Kopf.
Schwedt schien erleichtert. Er setzte sich seinen Hut auf und klappte die Sonnenbrille aus. Mit einem „Guten Tag“ setzte er sie sich auf die Nase und die beiden Männer verschwanden im Flur des Hauses, in dem Anna wohnte.
Sie schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, rutschte daran herunter und saß auf dem Boden. Sie atmete schwer, sie schwitzte. Sie war sich sicher, die beiden Männer noch nie zuvor gesehen zu haben und doch schien sie eine Art Déjà-vu gehabt zu haben, solange sich die Männer bei ihr aufgehalten hatten.
Der Tag hatte kaum begonnen und schon war er verdorben. Gerade heute hatte sie sich mit Martin Reet treffen wollen. 19:00 Uhr an der Bäckerei bei der S-Bahn-Station. Sie taumelte zum Küchentisch zurück und nahm die Visitenkarte in die Hand.
Kriminalkommissar A. Schwedt, eine Telefonnummer und eine Adresse.

19:03 Uhr. Anna kam an der Bäckerei an. Sie hatte Martin Reet schon von Weitem erkannt. Er lehnte sich gegen eine Häuserwand, las in einem Taschenbuch und nahm in unregelmäßigen Abständen einen Schluck aus der Cola-Flasche, die er in der anderen Hand hielt.
Anna blieb stehen und versuchte, irgendwas festzustellen. Sie glaubte diesem Polizisten kein Wort, dennoch ist sie durch seine Rede stutzig geworden. Sie stellte sich so, dass Martin sie nicht sehen konnte und beobachtete ihn. Worauf sie achtete, wusste sie selbst nicht so genau. Nichts Auffälliges. Blaue Sportschuhe, eine ausgewaschene Jeans, ein graues T-Shirt und eine schwarze Militärmütze auf den ebenfalls schwarzen, kurzen Haaren. Wie immer. Nichts Ungewöhnliches.

Sie entschied sich dazu, Herrn Schwedt nicht zu glauben und verließ ihr Versteck.
Der Abend war schön. Wie immer schlenderte sie mit Martin durch die Stadt. Sie redeten und lachten viel, aßen ein Eis und setzten sich schließlich mit einem Bier an den Fluss.
Alles, was sie am Morgen erlebt hatte, hatte Anna schon vergessen. Zwar hatte sie am Anfang noch versucht, darauf zu achten ob sich Martin irgendwie merkwürdig verhalte aber sie konnte nichts feststellen.
Die Sonne näherte sich dem Horizont. Anna rückte noch etwas näher an Martin heran, sah ihm ins Gesicht. Seine grünen Augen schienen im Licht der Sonne zu leuchten. Ein leichter Wind setzte ein. Wie zufällig drehte er den Kopf.
Plötzlich verschwanden die freundlichen Züge aus seinem Gesicht und er wurde sehr ernst.
„Tut mir leid. Ich muss los.“, sagte er und stand unvermittelt auf.
Etwas verwirrt stand Anna auch auf. „Gut, gehen wir.“, sagte sie.
„Nein“, antwortete er. „Ich gehe jetzt nach Hause.“
Anna lächelte. „Willst du mich nicht noch auf einen Kaffee einladen?“
Doch den Witz schien er nicht verstanden zu haben. Er blickte sie fragend und todernst an.
„Das war ein Scherz.“, erklärte Anna und zog die Augenbrauen hoch.
Martin sah ihr noch einige Sekunden ernst in die Augen. „Tschüss“, sagte er völlig unvermittelt, drehte sich um und ging.
Anna saß sprachlos da und sah ihm nach. Er schien sicher gehen zu wollen, dass sie ihm nicht folgte, denn er drehte ununterbrochen den Kopf, so als ob er sich umsehe.

Anna ging nach Hause. Sie war verwundert. Was ist passiert? Was war mit Martin los? Hatte sie etwas falsch gemacht?
Sie setzte sich an den Küchentisch und ihr Blick fiel wieder auf die Visitenkarte, die sie heute Morgen bekommen hatte. Sie ärgerte sich, dass ausgerechnet heute, nach dem merkwürdigen Besuch der Kriminalbeamten, Martin so ein fremdes Verhalten an den Tag legte.
Frustriert und nachdenklich ließ sie sich auf ihr Bett fallen, die Visitenkarte immer noch in der Hand und fiel nachdem sie noch eine ganze Weile wach im Bett lag, in einen unruhigen Schlaf.

Als Martin aus der S-Bahn ausstieg, war die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden, aber sie beleuchtete den westlichen Himmel noch blau.
Er war müde und glücklich, gleich da zu sein. Als er die Station verließ, hatte er das Gefühl sein ganzer Körper würde jucken.

Kühle Nachtluft. Dunkelheit. Nur die Sterne und der abnehmende Sichelmond schimmern durch das Blätterdach des Waldes.
Glücksgefühl. Lauf. Wind im Gesicht. Ein Geruch. Ein bekannter Geruch von etwas unbekanntem.
Zwei Männer. Sie sehen ihn. Es knallt. Angst. Panik. Flucht. Es knallt erneut. Erde peitscht auf. Ein dritter Knall. Schmerz. Er taumelt. Flucht! Flucht! Nur Flucht!

Stechender Schmerz ließ ihn zusammenzucken. Er hatte sich im Schlaf drehen wollen aber seine Schulter schmerzte so sehr, dass er dadurch erwachte.
Er schlug die Augen auf und sah ein fast undurchdringliches Blätterdach mit einem blauen Himmel dahinter.
Ächzend versuchte er sich aufzurichten. Seine Schulter schmerzte höllisch.
Er lag mitten im Wald. Irgendwo. Splitternackt, verschwitzt und blutverschmiert. An seinen Händen klebte Blut, an seiner Brust und seinem Bauch und am rechten Bein klebte Blut. Sein Blut. Seine rechte Schulter wies eine Wunde auf. Er versuchte, den rechten Arm zu bewegen. Es bereitete ihm kaum Schmerzen. Nur seine Schulter tat weh.
Vorsichtig rappelte er sich auf und versuchte, die Orientierung wiederzufinden.
Was war passiert? Was machte er hier? Er hatte Durst. Und Kopfschmerzen. Unfassbare Kopfschmerzen.