Anna war erschöpft. Der Schlaf hatte sie mehr angestrengt, als dass er ihr Erholung gegönnt hätte. Martins Verhalten in Verbindung mit ihrem gestrigen Besuch hatte sie so sehr verwirrt, dass sie die ganze Nacht von Albträumen geplagt worden ist.
Beinahe war sie froh darüber, den Wecker zu hören; die fürchterliche Nacht war vorbei.
Sie stand auf und stieg unter die Dusche, zog sich an und steckte die Visitenkarte ein.
Sie wollte jetzt diesem Schwedt ihrerseits einen Besuch abstatten und erfahren, was Martins Vergehen war.

Vor einem großen, grauen, stalinistisch anmutendem Gebäude kam sie an. Sie zog die Visitenkarte aus ihrer Hosentasche und überzeugte sich davon, an der richtigen Adresse zu sein. Sie war richtig.
Ohne einem einzigen Menschen begegnet zu sein, kam sie, nachdem sie ein graues Treppenhaus und unendlich lange graue Flure durchquert hatte, im zweiten Stock an einer grauen Tür an. Auf dem Schild daneben stand nur „Schwedt“, mehr nicht.
Anna gruselte sich ein wenig, biss dann aber die Zähne aufeinander und klopfte an.
Als wäre sie erwartet worden, ertönte sofort danach ein kurzes „Ja“.
Sie öffnete die Tür. Ein kleines, ungemütlich eingerichtetes Büro lag dahinter.
„Frau Draege. Schön, Sie so bald wieder zu sehen. Kommen Sie rein. Darf ich Ihnen etwas anbieten?“, wurde sie von Schwedt empfangen.
Ein Schreibtisch, auf dem ein Computerbildschirm und ein Telefon standen, befand sich der Tür gegenüber vor dem Fenster mit der herunter gelassenen Jalousie, durch die aber genug Licht fiel um den Raum halbwegs zu beleuchten.
Die von Anna aus gesehen rechte Wand war durch ein einziges, riesiges grau-blaues Regal mit vielen Schiebetüren fast komplett verdeckt. Eine der Schiebetüren war geöffnet. Dahinter befand sich ein Ordner, neben dem ein Stapel loser Blätter lag.
Anna dachte darüber nach, ob es hinter den anderen Türen genau so aussah.
Die Wand, in der die Tür eingelassen war, war abgesehen davon, dass dort ein Kalender hing, komplett kahl. Obwohl der Mai bereits um war, zeigte der Kalender noch den Dezember des letzten Jahres an.
An der Wand, gegen die die Tür schlug, die Anna mit viel zu viel Schwung geöffnet hatte, hing eine riesige Europakarte, auf der besonders im Osten und im Norden einige Städte oder hier und da auch eine Region rot markiert waren.
Zwischen der Tastatur und dem Telefon auf dem Schreibtisch lagen Berge von geöffneten Büchern, lose Blätter, Zettel und Stifte.
Schwedt brütete darüber. Er trug eine Brille, ein dunkelblaues Hemd und ein graues Jackett.
Als er Anna eintreten sah, schob er die Brille nach oben, über seine blonden Haare, stand auf und lächelte sie an.
Anna schlug die Tür hinter sich zu. „Ich will wissen, was los ist.“
„Ist Ihnen noch etwas eingefallen?“, Schwedt grinste.
„Sparen Sie sich Ihre blöden Fragen und dieses Grinsen erst recht. Was ist los mit Martin?“
„Mit Herrn Reet?“, hakte Schwedt nach.
Anna zwang sich zur Ruhe. „Irgendwas scheint mit ihm nicht zu stimmen und Sie scheinen Bescheid zu wissen. Polizist sind Sie auch nicht. Was ist los?“
Schwedt setzte sich wieder und bot Anna mit einer Handbewegung an, sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch zu setzen. Zögernd kam sie der Aufforderung nach.
Schwedt stützte den Kopf auf die Hände und sah Anna lächelnd an. Er schien nachzudenken.
Nach ein paar Minuten, die Anna wie eine Ewigkeit vorkamen, seufzte er und stand auf. Er ging um den Tisch herum zur Tür, schloss sie von innen ab und steckte sich den Schlüssel in die Hosentasche.
Dann ging er betont langsam zu dem Schreibtisch zurück und setzte sich wieder.
„Was ich Ihnen jetzt erzähle“, begann er „würde ich mir selbst nicht glauben, wenn ich es zum ersten Mal hören würde.“ Er seufzte erneut. „Ist Ihnen das Wort ‚Therianthropie‘ ein Begriff?“
Anna war verdutzt. Sie sah den Mann an, der seitdem er sich wieder gesetzt hatte, sie keines Blickes gewürdigt hat. Sie schüttelte den Kopf und sagte dann sehr leise: „Nein“
Schwedt nickte langsam. Dann hob er den Blick und sah die junge Frau an. „Aber ‚Lykanthropie‘ sagt Ihnen etwas.“
Annas Augen weiteten sich. Sie nickte, unfähig etwas zu sagen.
Schwedt sah sie an. Anna sah ihn an.
Schließlich schüttelte sie den Kopf und ihr Blick wurde misstrauisch. „Soll das heißen, sie glauben an Werwölfe?“
Schwedt lehnte sich zurück. Er schien nach einer Antwort zu suchen. Schließlich erwiderte er nur: „Wenn Sie mich so fragen, ja… auch“
„Auch? Was soll das heißen?“
„Nun, das Wort ‚Werwolf‘ erwähnte ich nicht. Wortwörtlich übersetzt bedeutet ‚Werwolf‘ ,Mann-Wolf‘. Ich redete aber von ‚Lykanthropen‘, was übersetzt etwa ‚Wolfsmensch‘ bedeutet. Können Sie mir folgen?“
Anna schüttelte energisch den Kopf. „Was soll der Quatsch?“
Ungerührt fuhr Schwedt fort. „Die Geschichten, Sagen und Märchen scheinen auf wahren Begebenheiten zu basieren. Es gab und es gibt Menschen, die sich in Wölfe verwandeln können. Wobei das Wort ‚Können‘ wohl falsch gewählt ist. Meistens versuchen sie dagegen anzukämpfen.“
Anna tat der Kopf weh. Sie konnte nicht fassen, was der Kerl ihr erzählte und sie rief: „Wollen Sie mich verarschen? Menschen, die sich bei Vollmond in Wölfe verwandeln, die Jungfrauen jagen und nur mit Silber zu erlegen sind? Wollen Sie mir das weismachen?“
Schwedt lächelte. „Der Vollmond hat damit gar nichts zu tun und auch das Silber haben sich irgendwelche Schmuckhändler ausgedacht glaube ich, die mit den Jungfrauen, das waren Vampire aber was die Jagd angeht, da haben Sie recht. In Gestalt des Wolfes will der Lykanthrop jagen. Er kann als Mensch Soziologe, Pazifist und Vegetarier sein aber als Wolf will der töten, er will Blut vergießen! Wessen, das ist ihm ganz gleich, es muss nur Blut fließen.“
„Okay. Sie sind übergeschnappt. Lassen Sie mich jetzt bitte gehen.“, Anna gab sich Mühe überzeugt und selbstbewusst zu klingen. In Wahrheit fühlte sie sich aber sehr unwohl.
Schwedt reagierte nicht darauf sondern redete weiter. „Wir haben Grund zu der Annahme, dass es sich bei Martin Reet um einen Lykanthropen handelt. Glück für Sie, dass Sie mir nicht glauben. Das beweist, dass er sich in Ihrer Gegenwart noch nie in einen verwandelt hat.“ Er zögerte. „Wenn dem allerdings so wäre, würden Sie vermutlich nicht hier sitzen. Frau Draege, ich sehe ein, dass das sehr verwunderlich klingt. Aber es ist die Wahrheit. Herr Reet ist ein äußerst gefährliches Individuum. Es freut mich, dass Sie bis jetzt von seiner … nun ja – Besonderheit verschont geblieben sind. Aber früher oder später wird er explodieren und vermutlich werden Sie darunter leiden.“
Anna saß da und starrte den Mann ihr gegenüber einfach nur an. „Bitte lassen Sie mich jetzt gehen“, hauchte sie.
Schwedt legte den Schlüssel auf den Tisch, sodass Anna danach greifen konnte. „Ich flehe Sie an, Frau Draege, bleiben Sie ihm fern.“
Anna saß noch ein paar Augenblicke da, dann griff sie nach dem Schlüssel, schloss die Tür auf und stürmte aus dem Gebäude. Sie wollte nur noch nach Hause.

Kühle Nachtluft. Dunkelheit. Nur die Sterne und der abnehmende Sichelmond schimmern durch das Blätterdach des Waldes.
Glücksgefühl. Lauf. Wind im Gesicht. Ein Geruch. Ein bekannter Geruch von etwas unbekanntem.
Zwei Männer. Sie sehen ihn. Es knallt. Angst. Panik. Flucht. Es knallt erneut. Erde peitscht auf. Flucht! Wieder knallt es. Weg, nur weg. Schneller. Ein viertes Mal knallt es. Schmerz! Aufheulen. Laufen, humpeln. Angst. Ein steiler Felsen. Eine Sackgasse. Erschöpfung. Zusammenbrechen. Zwei Gestalten treten aus dem Wald. Beide tragen ein Gewehr. Beide zielen auf ihn. Flucht – unmöglich. Sie kommen näher. Es raschelt in der Dunkelheit. Sie bleiben stehen. Sie legen an. Ein Knurren. Ein riesiger Wolf springt aus der Dunkelheit, reißt einen der Männer zu Boden, springt den anderen an, wirft ihn um. Beißt ihm die Kehle durch. Geht zum ersten zurück. Beißt ihm auch ins Genick. Sieht ihn an. Dreht sich um. Verschwindet im Wald.

Martin riss es aus dem Schlaf. Sein T-Shirt war blutgetränkt. Sein Bett ebenfalls. Die Uhr zeigte 05:34 Uhr an. „Es gibt noch einen“, murmelte er. „Es gibt noch einen.“
Noch einige Augenblicke lag er erschöpft im Bett. Er fror. Der Schweiß und das nur teilweise geronnene Blut sorgten trotz der warmen Luft, die durchs Fenster kam, für Kälte.
Gegen eine Schwindelattacke ankämpfend stand Martin auf und torkelte ins Badezimmer. Er zog sich aus und stieg unter die Dusche. Das warme Wasser auf der kalten Haut tat gut. Das Blut ließ sich abspülen. Seine Schulter tat weh aber zu sehen war nichts.
Eine abgeschnittene Jeans und ein Hemd tragend saß Martin im Schneidersitz im Sessel in seinem Wohnzimmer und starrte aus dem Fenster. Es war noch nicht einmal sechs Uhr morgens und trotzdem war es schon taghell.
Er atmete tief ein, schloss die Augen und legte den Kopf nach hinten.
Die Klingel der Tür riss Martin aus dem Schlummer, der wieder versucht hatte, nach ihm zu greifen.
Schwerfällig stand er auf und sah zur Uhr, 07:12 Uhr. Verwirrt und ein wenig verärgert ging er, sich an der Wand abstützend zur Tür.
Als er öffnete, sah er sich einem jungen Mann und einer Frau gegenüber, die etwa 10 Jahre älter als ihr Begleiter war.
Beide trugen einen grau-braunen Parker und der Mann eine Sonnenbrille. Er hatte sehr kurze, dunkelbraune Haare, trug eine ausgewaschene Jeans und offenbar oft getragene Turnschuhe.
Seine Begleiterin hingegen trug eine sehr dunkle, sicher sehr teure Jeans, die wiederum in blitzenden Stiefeln verschwand. Sie hatte blonde Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Sie war sehr hübsch.
Als Martin allerdings ihre Stimme hörte, verschwand jegliche Anmut.
Sie sah Martin ins Gesicht und fragte trocken: „Martin Reet?“ Martin musste an einen Feldwebel denken, der einen Wehrpflichtigen vor der ganzen Truppe zur Sau macht.
Martin nickte.
Die beiden zückten Ausweise und hielten sie Martin unter die Nase.
„Maria Stein, Kriminalpolizei“, bellte die Frau. „Das ist mein Kollege-“
„Tobias Reiken.“, schnitt er ihr das Wort ab. Im Vergleich zu seiner Kollegin klang seine Stimme weich wie Samt, obwohl sie sehr tief war.
„Dürfen wir reinkommen?“, stellte Frau Stein die nächste Frage.
Es lief Martin eiskalt den Rücken herunter. Er zögerte, schluckte und sagte dann: „Nein“
Die Frau schien gerade etwas erwidern zu wollen, aber ihr Kollege war schneller: „Wir hätten einige Fragen an Sie und möchten die nicht hier zwischen Tür und Angel stellen. Es wird nicht lange dauern.“
„Worum geht es denn?“ Martin blieb hart.
Stein griff in ihren Mantel und Reiken seufzte. „Sie kennen doch eine gewisse Anna Draege, richtig?“
Stein zog ein Foto heraus, auf dem Anna einmal von vorne, einmal im Profil zu sehen war.
Martin nickte langsam.
„Sie hatten in letzter Zeit viel Kontakt mit Frau Draege, ist das korrekt?“, Steins Stimme hatte immer noch den militärischen Klang.
Martin bejahte.
„Ist Ihnen kürzlich etwas Merkwürdiges bei ihr aufgefallen? Hat sie sich in irgendeiner Form anders verhalten als sonst? Anders gesprochen? War sie anders gekleidet als sonst? Ganz gleich, war irgendetwas anders als sonst?“, wollte nun Reiken wissen.
„Mir ist nichts aufgefallen.“, entgegnete Martin ruhig, wenn auch sehr misstrauisch.
Stein steckte das Foto zurück in ihre Jacke. „Haben Sie mit Frau Draege geschlafen?“
„Wie bitte?“ Martins Misstrauen schlug in Wut um, am meisten verärgerte ihn die Beiläufigkeit in der Stimme der blonden Frau, als sie diese Frage stellte, so als habe sie nach dem Wetter gefragt.
„Sie wollten dieses Gespräch gern in aller Öffentlichkeit führen.“, erklärte Stein.
Reiken lächelte Martin entschuldigend an.
„Ich weiß nicht, was Sie das angeht.“, rief Martin und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Glauben Sie mir, es geht uns was an.“, erklärte Stein trocken.
„Hören Sie, Herr Reet“, schaltete sich jetzt Reiken ein. „Wir haben Hinweise darauf, dass Frau Draege einer verfassungsfeindlichen Organisation angehört.“
„Was? Und da schicken die die Kripo?“, fragte Martin fassungslos.
„Herr Reet“, Reikens Ton wurde schärfer. „Bei Frau Draege handelt es sich um eine äußerst gefährliche Person und es ist von äußerster Wichtigkeit, dass Sie uns sagen ob Sie sexuellen Kontakt mit ihr hatten.“
Martin war es unangenehm, doch er verneinte die Frage.
Beide Besucher schienen plötzlich sehr viel entspannter zu sein.
„Ist Frau Draege schon mal hier bei Ihnen gewesen, hat sie Ihre Kontaktdaten oder Ihre Adresse?“, Steins Blick lag ruhig auf Martins Gesicht und dennoch hatte er das Gefühl, als könne sie ihm direkt ins Gehirn sehen. Er schüttelte den Kopf.
„Haben Sie private Gegenstände von Frau Draege oder sie von Ihnen?“
„Nein“
„Denken Sie genau nach.“, fragte Reiken. „Es muss keine Jacke sein. Selbst ein Feuerzeug würde reichen.“
„Reichen wofür?“, wollte Martin wissen.
Seine Besucher wechselten einen Blick. Frau Stein griff in eine weitere Tasche ihres Parkers und zog eine Visitenkarte heraus.
„Sollte Ihnen etwas anderes auf- oder einfallen, dann melden Sie sich bitte umgehend bei mir. Aber in erster Linie will ich Ihnen dringend ans Herz legen, den Kontakt zu Frau Draege abzubrechen. Es könnte morgen schon zu spät sein.“
„Zu spät wofür?“