Das Blätterdach des Waldes war so dicht, dass es dem Sonnenlicht beinahe unmöglich war, hindurch zu brechen. Das Laub der Bäume schirmte fast den gesamten Wald ab und tauchte ihn in ein angenehmes, grünes Licht. Abgesehen von wenigen, kleinen Lichtungen standen die Bäume sehr dicht beieinander. Stamm an Stamm standen, wuchsen und gediehen sie. Dreißig Fuß und höher reckten sie sich nach dem Himmel, so als wollten sie ihn berühren.

Zwischen den kräftigen Stämmen wuchsen bis zu zwei Fuß hohe Grashalme, Büsche und weit fächernde Farne. Wunderschöne Blumen in allen erdenklichen Farben erstrahlten zwischen dem satten Grün der Gräser.

Bunte Schmetterlinge, schillernde Libellen und Bienen tummelten sich zwischen den bunten Blüten.

Die Vögel, die in jedem Baum des Waldes zu nisten schienen, sangen aus Leibeskräften.

Hin und wieder sprang ein Eichhörnchen von Baum zu Baum oder auf den Boden um von dort auf den nächsten Baum zu klettern. Kaninchen hoppelten von Gebüsch zu Gebüsch und scheuchten die Fasanen auf, die dahinter Zuflucht gesucht hatten.

Ein junger Mann betrat den Wald. Er trug eine leinene Hose, dunkle, lederne Stiefel und ein dunkelgrünes Wams. Er war glattrasiert und trug beinahe schulterlanges dunkelbraunes Haar. Ein grün-braunes Stirnband verhinderte, dass die Haare ihm ins Gesicht fielen.

Über seine Brust lief von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte ein breiter Lederriemen, der einen Köcher auf seinem Rücken festhielt, in dem etwa ein Dutzend Pfeile steckten. In seiner linken Hand hielt er einen Jagdbogen  und in seinem Gürtel steckte ein Dolch mit kurzer, breiter Klinge.

Er bemühte sich, möglichst keinen Laut zu machen, dennoch trat er häufig auf dünne Äste und Zweige, die unter seinen Stiefelsohlen knackend zerbrachen, durch seine Schritte lösten sich Steinchen, die klopfend über den Waldboden sprangen oder er berührte unachtsam ein Gebüsch, das daraufhin raschelte.

Die Kaninchen und Fasanen versteckten sich als er sich näherte, die Schmetterlinge gaben ihm flatternd den Weg frei; einige Eichhörnchen keckerten und auch einige Vögel schienen ihn als eine Bedrohung zu sehen, jedenfalls schimpften sie.

Aber an den Vögeln schien er nicht interessiert zu sein, auch die Kaninchen und Fasanen ließ er unbeachtet. Er schlich nur immer tiefer in den Wald hinein und horchte. Bald fiel ihm ein Plätschern auf und er lächelte. Den kleinen Bach, der durch den Wald lief, hatte er gesucht.

Er folgte dem Rauschen des Wassers und fand bald das Flüsschen, das gurgelnd über Steine hopste und sich zwischen den Bäumen hindurch schlängelte.

In der Deckung eines breiten Baumstammes setzte er sich nieder und beobachtete den Bach. Nur an diesem Bach hatte man die Möglichkeit, auf ein Reh oder ein Wildschwein zielen zu können. Die Bäume im restlichen Wald waren zu dicht beieinander, sie boten keine freie Sicht auf das Wild. Aber hier war es ungeschützt.

Zufrieden ging der Jäger in die Hocke, lehnte sich an den Baum, sodass er eine möglichst weitreichende Sicht hatte, zog einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn an die Sehne. Jetzt hieß es warten.

Die angenehme Wärme des Tages, nur von einem gelegentlichen, kühlen Wind, der über den Bach zog, unterbrochen, ließ ihn schläfrig werden. Er gähnte einige Male kräftig und musste sich große Mühe geben, die Augen offen zu halten. Immer wieder fielen sie ihm zu und er schüttelte mehrmals heftig den Kopf um den Schlaf zu vertreiben, aber es wollte nichts helfen.

Das gleichmäßige Plätschern des Baches, das Rauschen des Laubes über ihm und die angenehme Temperatur gaben aber nicht nach. Gnadenlos versuchte der Schlaf von ihm Besitz zu ergreifen und schließlich konnte er sich nicht mehr wehren und schlummerte ein. Im Traum sah er auf den Fluss, hörte sein Plätschern und das Rascheln des Laubes und das leise Säuseln des Windes. Beinahe war es ihm als würde der Wind singen. Er meinte eine Melodie zu erkennen. Nein, das war mit Sicherheit eine Melodie, der Wind hatte eine fast schon menschliche Stimme. Er schrak zusammen und wachte auf. Noch immer lehnte er am Baum aber die schöne Melodie war nicht mehr zu hören. Nur das Murmeln des Wassers, das Rauschen des Laubes, das leise Heulen des Windes und das Zwitschern der Vögel. Aber das Singen, das er gerade im Traum gehört hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Obwohl er es nicht mehr hörte, erschien es ihm lauter als alle anderen Geräusche.

Er sah sich um und konnte sein Glück kaum fassen. Ein Reh trat an den Bach. Scheu sah es sich immer wieder um, schien ihn aber nicht gewahr zu werden.

Gebückt und äußerst bedacht darauf, wo er hintrat, huschte er zum nächsten Baum, lugte daneben hervor und spannte den Bogen. Er war ein geübter Schütze, trotzdem bedeutete es jetzt vollste Konzentration, denn er hatte wenig Lust noch einmal so lange warten zu müssen. Er schloss ein Auge und zielte am Pfeil entlang. Das Reh trat an das Wasser und senkte den Kopf.

Plötzlich erklang die Weise, die er meinte im Traum gehört zu haben, wieder. Das Reh sah sich erschrocken um, sprang über den Bach und verschwand im Wald.

Der Jäger hatte keine Zeit sich über die entflohene Beute zu ärgern, denn das Lied schlug ihn sofort in seinen Bann.

Eine zauberhafte, hohe Stimme drang durch den Wald zu ihm, überlagerte den Wind, das Wasser und die Vögel. Er hatte das Gefühl, als würde sich das Lied wie eine Schlange durch seine Ohren direkt in sein Herz schlängeln. Ihm schmerzte das Herz, Tränen liefen ihm aus den Augen und als er sich fragte, warum er weinte, stellte er fest, dass er im Moment weder Trauer noch Glück empfand. Es war die Sehnsucht, die ihn weinen ließ und seine Brust schmerzen ließ. Er sehnte sich nach der Quelle dieses wundervollen Gesangs. Er musste wissen, woher er kam.

Bogen und Pfeil noch in der Hand haltend, machte er sich auf den Weg, folgte dem Klang, der ihn wie ein Magnet durch den Wald am Fluss entlang anzog.

Der Gesang wurde lauter und der Wind etwas kräftiger. Der Bach machte eine kleine Biegung und genau an dieser Stelle stand eine große Trauerweide, deren Zweige teilweise bis auf den Boden reichten, teilweise im Wasser hingen und von dem Fluss hin und her geschwenkt wurden.

Der Gesang kam aus diesem Baum.

Der Mann beschleunigte seine Schritte. Die Sehnsucht zerriss ihn innerlich.

Aufgeregt schob der die Zweige der Weide zur Seite und trat durch ihr Blätterwerk, welches ihn nun gänzlich umgab.

Auf den Ästen der Weide, umgeben von der Wand aus Blättern, saß ein wunderschönes Mädchen.

Eine solche Schönheit hatte er noch nie gesehen. Ihre Haut war hell, in der Dunkelheit der Weide schimmerte sie wie Schnee und glitzerte und funkelte bei jeder Bewegung, feuerrote Haare, länger als sie selbst, wehten leicht im Wind und verdeckten die Blöße ihres anmutigen Körpers.

Ihre Augen leuchteten wie die Augen einer Katze in einem kräftigen, dunklen, geheimnisvoll glühenden Grün.

Wie verzaubert blieb der Mann stehen. Alles um sich herum hatte er vergessen. Es gab für ihn nur dieses hinreißende Wesen, welches vor ihm auf dem Baum saß.

Ihren betörenden Gesang hatte sie beendet, als er durch die Blätter trat aber ihre Stimme schwang noch im Wind, so als habe sie ihren Gesang nicht abrupt abgebrochen, sondern als sollte ihre Weise genau an dieser Stelle enden.

Neugierig glommen die grünen Augen in ihrem anmutigen Gesicht und musterten den Mann, der beglückt wie ein kleines Kind zu ihr hinauf sah und unfähig war, auch nur ein Wort zu sagen.

Völlig gefangen im Schein ihrer Augen blieb er wie versteinert stehen und wünschte sich in dieses strahlende Grün eintauchen zu können, darin ertrinken zu können.

Sein Kopf tat weh. Seine Brust schmerzte. Sein Herz schlug im bis zum Hals und pochte gegen seine Rippen. Er hörte sein Blut in seinen Ohren rauschen. Jeder Atemzug brannte wie Feuer in seiner Lunge. Seine Knie zitterten und er begann zu schwitzen.

Als wollte sie sich sein Aussehen ganz genau einprägen, glitt ihr Blick langsam an ihm herab. Zentimeter für Zentimeter glitt ihr Blick weiter nach unten bis zu den Stiefeln und wieder hinauf und er war hoffnungslos in ihren Augen verloren.

Als ihr Blick auf seinen Bogen und den Pfeil fiel, mischte sich Trauer zu der Neugier in ihren Augen und Tränen sammelten sich darin. Sie blinzelte mehrmals. Eine Träne wurde von den Lidern aus ihrem rechten Auge gedrückte und rann über ihre Wange um am Kinn hängen zu bleiben und von ihren Haaren weggewischt zu werden.

Langsam und mit ernstem Gesichtsausdruck aber immer noch neugierig wanderte ihr Blick wieder zurück und sie sah ihm in die Augen.

Sein ganzer Körper schmerzte. Sehnsucht. Sehnsucht war die grausamste Macht auf Erden. Glück, Liebe, Hass, Trauer, Angst, all das vermochte nicht zu schaffen – und zu zerstören – was die Sehnsucht vollbrachte.

Mehrere Male öffnete er den Mund, konnte aber keinen Ton heraus bringen. Er wollte sich räuspern, aber er konnte nicht. Er musste würgen. Seinen Blick konnte er nicht von ihr lassen.

Und sie sah ihn einfach nur an. Ernst, fragend und schön. So schön.

Die Zeit schien still zu stehen. Die Welt hätte sich um sie drehen können, verbrennen können, ertrinken können, untergehen können, er hätte nichts davon bemerkt.

Nach einem erneuten Versuch sich zu räuspern, gelang es ihm endlich ein paar Worte zu formulieren. „Bitte. Singt weiter.“, bat er mit kratziger Stimme. Es klang fast ein Betteln, wie ein Flehen, wie ein Wimmern.

Sie legte den Kopf leicht schief und sah ihn weiter mit ihren großen, grünen, ernsten Augen an.

„Bitte“, hauchte er.

Sie schloß die Augen, atmete mehrere Male tief durch. Er konnte sehen wie sich ihre Brust hob und senkte. Dann öffnete sie den Mund und begann zu singen.

Es war eine einfach Melodie, die nicht viele Töne beinhaltete. In unregelmäßigen Abständen wiederholten sie sich. Aber das Mädchen traf sie mit einer solchen Präzision, dass jedes Instrument der Menschen, auch wenn es noch so genau gestimmt war und von einem noch so guten Musiker bedient wurde, gegen ihre Stimme schief und abstoßend klang.

Ihrer Stimme Reinheit bildete einen Kloß in seinem Hals und es kostete ihn Anstrengung, gegen den Drang weinen zu müssen, anzukämpfen.

Doch sie sang weiter. Der Wind streichelte ihr Haar, ihre Haut glitzerte und ihr Hals leuchtete.

Passend zu der Melodie schwangen die Zweige der Weide mit.

Selbst das Rauschen des Baches schien passend zu ihrer Melodie zu erklingen.

Er meinte zu spüren wie ihr Gesang um seinen Körper strich, seine Wangen liebkoste, sein Haar streichelte und seine Lippen küsste. Wie ein unsichtbarer Tänzer bewegte er sich um den Jäger, streichelte seine Brust und zwang sich direkt in sein Herz.

Sein Blut war erfüllt von diesem Klang, sein Herz schlug passend zu dem Gesang der Fee und er konnte es nicht mehr zurück halten. Er begann zu zittern am ganzen Körper, seine Augen füllten sich mit Tränen und er begann zu schluchzen.

Er ließ Bogen und Pfeil fallen und sank auf die Knie. Eine unbezwingbare Macht drückte ihn zu Boden und er begann hemmungslos zu weinen.

Er konnte sich dem Zwang nicht erwehren und gab sich er Macht des Zaubers in ihrer Stimme hin.

Er vermochte es nicht zu sagen wie viel Zeit verstrichen war. Es hätten Tage oder Minuten vergangen sein können, als sie ihren Gesang beendete.

Er hob seinen Kopf. Sein Gesicht war tränenüberströmt, seine Augen rot und auf seiner Stirn stand Schweiß.

Freundlich sah sie ihn an. Ihre roten Haare umrahmten das weiße Gesicht. Die grünen Augen leuchteten wie Flammen.

Dankbarkeit stand in seinen Zügen. Tiefste Dankbarkeit aus vollem Herzen und von ganzer Seele.

Er erhob sich, wischte sich die Tränen mit den Händen aus dem Gesicht.

Mit rauer Stimme begann er zu sprechen. „Meine Dame, Ihr habt mich mit Eurem Gesang verwandelt, verzaubert oder verflucht. Ich bin Euer.“ Er wollte nichts mehr als ihr dienen, nichts mehr als sie haben … er wollte sie besitzen.

„Lasst mich Euch herab helfen und lasst mich um Eure Hand anhalten.“

Sie sah ihn ernst an und schüttelte langsam den Kopf. Ihr Gesicht schimmerte.

Furcht machte sich in ihm breit. Ohne diese Frau würde er den Wald nicht verlassen, er könne es gar nicht.

„Bitte! Weist mich nicht ab. Ich werde tun was immer Ihr verlangt. Aber lasst mich Euer Gemahl werden.“

Sie sah ihn an, sah die Angst in seinen Augen, die Angst, sie verlassen zu müssen, aber wieder schüttelte sie nur den Kopf.

Furcht stieg in ihm auf. Schreckliche Furcht. „Warum nicht?“, wimmerte er.

„Ich kann nicht.“, gab sie ihm zur Antwort. Ihre Stimme klang so rein. Ernst und mit Mitgefühl aber doch samtig weich und es fühlte sich an wie warmer Tee, der durch einen durchfrorenen Körper fließt.

Nichts anderes als Verzweiflung brach in ihm wie ein Vulkan aus. Das Herz wollte ihm zerspringen, der Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen.

„Bitte! Überlegt es Euch noch einmal!“, rief er ihr zu und war überrascht, dass seine Stimme so zornig klang.

„Ich kann diesen Ort nicht verlassen.“, sagte sie ruhig aber bestimmt.

Er spürte, dass die Verzweiflung sich in Wut verwandelt hatte, blinde rasende Wut! Er wollte etwas erwidern aber sie schnitt ihm das Wort ab: „Nein.“, sagte sie „Ihr könnt mich nicht überreden. Ihr könnt mich auch nicht zwingen. Geht jetzt.“

Er schrie auf und begann wieder zu weinen. Als ob eine warme Umarmung ihn umschließen würde, hatte er plötzlich das Gefühl, getröstet zu werden. Er sah sie an.

„Geht jetzt.“, sagte sie.

Ihr Gesichtsausdruck war freundlich aber ernst. Das Leuchten ihrer Augen ließ sein Herz wieder verkrampfen. Ihre roten Haare umspielten den Schimmernden Leib.

Gebückt, betrübt und mit schwerem Herzen kam er der Bitte der Fee nach und ging nach Hause. Doch die Nacht war schrecklich. Er konnte kein Auge zutun, wälzte sich auf seinem Lager hin und her, weinte, schrie, schlug mit der Faust gegen die Wand, biss sich auf die Finger. Er konnte den Waldgeist nicht vergessen. Ihre schimmernde, weiße Haut, ihre flammenden, grünen Augen und ihr Haar, das wie Feuer leuchtete aber wenn es im Wind wehte, tanzte wie Nordlichter am Himmel.

Ohne auch nur eine Minute Schlaf gefunden zu haben und ohne einen Gedanken an Essen verschwendet zu haben, zog er sich noch bevor die Sonne aufgegangen war, wieder seine Stiefel an. Er musste sie wiedersehen und er musste sie diesmal davon überzeugen, ihn zu begleiten.

Bevor er aufbrach, steckte er noch den Verlobungsring seines Vaters ein. Das wertvollste, was seine Familie je besessen hatte.

Er brach auf, als der Himmel im Osten bereits rot war.

Innerhalb kürzester Zeit wurde es hell und gegen Mittag war er an dem Elfenbaum angekommen. Als er durch die Blätter trat, sah er zunächst, dass sein Bogen und sein Pfeil, die er am vorigen Tage hier liegen gelassen hatte, verrottet waren. Sie lagen immer noch an derselben Stelle, sahen aber aus als lägen sie dort schon seit Monaten. Das Holz war morsch, die Sehne brüchig und die Pfeilspitze stumpf.

Er drehte seinen Kopf und sah zu der Fee. Wieder war er von ihrer Schönheit überwältigt. Er meinte, dass sie über Nacht noch schöner geworden war.

Sie sah ihn mit ihren glühenden, grünen Augen an. Ernst, freundlich, neugierig.

Er kniete sich vor den Baum und faltete die Hände wie zum Gebet. „Bitte. Singt für mich.“, wisperte er.

Die Elfe sah ihn an und lächelte sanft. Er meinte verrückt zu werden, dieses  Lächeln verzehnfachte ihre Anmut. Sie atmete tief ein und er begann zu weinen noch bevor ihre Stimme ihren Hals verließ.

Die Melodie war heute eine andere. Sie bestand aus vielen Tönen, sehr vielen und nicht einer schien sich zu wiederholen. Ihr Hals leuchtete, ihre Haut schimmerte, ihr Gesicht glitzerte, ihre Augen glühten und ihre Haare wogen im Wind.

Ohne sich zu bewegen kniete er mit gefalteten Händen vor dem Baum, wagte kaum zu atmen aus Angst, ihren Gesang zu unterbrechen. Wieder stieg Verzweiflung in ihm auf. Er begann hemmungslos zu weinen, ließ die Tränen seine Wangen hinab laufen, versuchte das Schluchzen zu gut es ging zu unterbinden um nicht einen Ton ihres Gesangs zu verpassen.

Wieder schien die Zeit still zu stehen. Außer dem bezaubernden Gesang des anmutigen Mädchens geschah nichts, auf der ganzen Welt.

Er ließ sie nicht aus den Augen, während sie sang und er vor ihr kniete. Ein unbeschreibliches Verlangen stieg in ihm auf. Er wollte diese Frau. Er musste sie haben. Die Verzweiflung, die die Vorstellung, sie erneut zurück lassen zu müssen, mit sich brachte schlug urplötzlich in rasenden Hass um. Er sprang, noch während sie sang, auf und griff nach ihr. Ihren Knöchel, den er erhaschen wollte, verfehlte er, bekam aber eine Strähne ihres Haares zu fassen. Er zerrte daran, wollte sie zu sich auf den Boden ziehen und wenn es nötig wäre würde er sie an ihren Haaren in die Kapelle schleifen. Doch er hatte kaum zu ziehen begonnen, da ging von der Weide ein Leuchten aus, das heller und heller wurde. Er wurde geblendet und musste die Haare loslassen um sich die Hände vor die Augen zu halten. Doch es half nichts. Er versuchte, sich umzudrehen, sich zusammen zu kauern. Doch es half nichts. Ein tosender Lärm brach dazu aus und drohte, ihm das Trommelfell zu zerreißen. Dazu hatte er das Gefühl, von allen Seiten mit glühenden Lanzen durchstoßen zu werden. Er schrie, kniff die Augen zu und presste sich die Hände auf die Ohren, kauerte am Boden und schrie aus Leibeskräften.

Dann ließ der Schmerz nach. Das Licht wurde schwächer. Der Lärm wurde leichter und verschwand.

Noch immer kauerte er am Boden und stellte fest, dass auch der stechende Schmerz gewichen war.

Er drehte sich um und sah zu der Fee, die ihn entsetzt ansah. Sie hatte sich auf einen höheren Ast gerettet und blickte erschrocken, verwirrt und etwas neugierig auf ihn herab.

Der Länge nach warf er sich auf den Boden, das Gesicht nach unten und brüllte in den Staub: „Vergebt mir! Bitte vergebt mir! Ich muss den Verstand verloren haben! Das habt Ihr nicht verdient! Tötet mich, wenn es Euch beliebt aber vergebt mir!“, ein erneuter Weinkrampf packte ihn und schüttelte ihn mächtig durch. Da spürte er es wieder. Die warme Umarmung. Das tröstende Gefühl.

Eine Stimme in seinem Kopf flüsterte ihm ein „Ich vergebe Euch“ zu. Verständnisvoll, zärtlich, liebevoll.

Allmählich beruhigte er sich.

Dann kniete er sich hin, holte den Ring aus der Tasche und streckte ihn der Elfe entgegen.

„Bitte nehmt mich zu Mann. ohne Euch kann ich nicht leben.“

Aber das Mädchen schüttelte wieder nur den Kopf.

„Bitte!“, schluchzte er.

„Ich kann nicht.“, antwortete sie.

„Lasst mich nicht wieder allein gehen. Ich flehe Euch an! Was gerade geschehen ist, wird nie wieder geschehen. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist! Bei allen Göttern, allen Wesen und allen Mächten!“

„Ich kann die Weide nicht verlassen.“, sagte die Elfe mit engelsgleicher Stimme, die ihm das Gefühl von Wärme und Geborgenheit gab.

„So nehmt wenigstens den Ring! Ich schenke ihn Euch ohne jegliche Verpflichtung.“

Wieder schüttelte die Fee den Kopf. Ihre Augen funkelten wie reine Smaragde, und strahlten, als würde das Sonnenlicht hindurch fallen.

Er kam sich töricht vor. Sicher bestanden ihre Augen aus Smaragden, ihre Haut aus Silber und ihr Haar aus flüssigem Rubin, warum sollte sie sich über einen solch mickrigen Ring freuen.

Ernst – und mitfühlend sah sie ihn an. Ihre Haare umspielten ihr Gesicht. Ihre Haut schimmerte.

„Geht jetzt.“, sagte sie unvermittelt. „Ihr müsst jetzt gehen.“

Er erhob sich und verließ verzweifelt die Weide. Seine Verzweiflung wuchs und wurde zu Zorn. Wütend warf er den Ring in den Wald. Er brüllte. Seine Wut wurde zu Raserei. Er rannte los, verließ den Wald und kam an seiner Hütte an. Der Zorn war noch nicht verraucht. Er benötigte ein Ventil und begann Holz zu hacken. „Du musst meine Frau werden!“, brüllte er in den Wald und begann zu hacken. Jedes Mal, wenn er mit der Axt einen Holzscheit zerteilte, brüllte er dazu: „Du musst!“

Die Sonne näherte sich dem westlichen Horizont und ihm graute vor der nächsten Nacht. Er sah zum Wald und flüsterte: „Du wirst!“

Er schulterte die Axt und machte sich zurück auf den Weg zu der Weide.

Mit entschlossenem, zornverzerrten Gesicht trat er zwischen den Blättern hindurch und sah die Fee an. „Nimm mich zum Mann!“, rief er.

„Ich kann nicht.“, antwortete die Fee.

„Wenn dich der Baum nicht gehen lässt, dann muss der Baum gehen!“, schrie er und fing an die Axt auf die Rinde der Weide zu schlagen. Rinde splitterte und mit jedem Schlag drang er tiefer in das Holz ein.

Er hörte die Fee rufen. Doch was sie rief, konnte er nicht verstehen. Das Blut rauschte in seinen Ohren so laut, dass er sie nicht verstand. Sie rief, sie wimmerte, sie weinte, sie flehte ihn an, doch er konnte und wollte sie nicht hören.

Der Stamm der Weide brach schließlich splitternd auseinander und die Fee fiel aus der Krone.

Sie kauerte sich zusammen, weinte, wimmerte. Er ließ die Axt fallen und griff nach der Frau. Er zerrte sie hoch presste sie an sich und schleifte sie aus dem Wald. Sie wimmerte und schluchzte, wehrte sich aber nicht und ließ sich von ihm aus dem Wald zerren.

„Du wirst mir gehören.“, knurrte er. „Du wirst meine Ehefrau sein, die Mutter meiner Kinder und mit mir leben.“

„Ich kann nicht alt werden.“, schluchzte sie.

„Umso besser.“, lachte er und da verließen sie den Wald.

Da fing sie plötzlich an zu schreien. Vor Schreck ließ er sie los, sie rutschte zu Boden und sah zur Sonne, die rot über dem Horizont schwebte. So als wollte sie nach ihr greifen, streckte sie immer noch schreiend die Arme aus. Schlagartig verstummte sie und drehte den Kopf zu ihm. Sah ihn ernst, ruhig und mitfühlend an. Ihre Haut schimmerte, ihre Augen glommen, ihre Haare umwehten ihr Gesicht. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen stand er vor ihr und sah auf sie herab. Da legte sie den Kopf in den Nacken  und ihre Haut begann zu dampfen, es zischte kurz und schlagartig schlugen riesige Flammen aus ihr heraus. Sie verbrannte lichterloh. Entsetzt stand er davor, wusste nicht was er tun sollte. Sie verbrannte zu einem kleinen Berg Asche.

Die Sonne war untergegangen. Der Mond stand am Himmel und beleuchtete die Asche. Er ließ sich auf die Knie fallen und starrte die Asche an. Eine Träne rann ihm über die Wange und fiel nieder. Die Asche begann sich zu bewegen und eine wunderschöne Blume mit silbernen Blütenblättern wuchs vor seinen Augen empor. Als sie sich öffnete, konnte er sehen, dass jedes Blütenblatt ein roter Stern zierte.

Er brach die Blume und wollte sie mit sich nehmen, doch sie verdorrte in seinen Händen und wurde zu Staub, der von einem Windzug gepackt, zurück in den Wald geweht wurde.