Hari, der Raja

Es herrschte dereinst im Norden Indiens ein Raja. Sein Name war Hari und sein Volk fürchtete ihn. Nicht Ehrfurcht war es, was sie ihm entgegen brachten, sondern Angst. Angst aus tiefstem Herzen und von ganzer Seele.
Hari war kein guter König, er herrschte grausam und kalt. Er nahm sich was er wollte, seien es Frauen, Ländereien, Reichtümer oder Nahrungsmittel. Wem er damit inwiefern schadete, kümmerte ihn nicht.
Dennoch fürchtete er sich. Er fürchtete, dass seine Macht eines Tages schwinden könnte. Er fürchtete, dass wenn sich die Möglichkeit ergeben würde, das Volk unter Umständen sogar eine Revolution beginnen könnte und er fürchtete, dass er seine Krone eines Tages abgeben müsse.
Diese Angst trieb ihn beinahe in den Wahnsinn.
Daher griff er nur umso härter durch, um alle Welt spüren zu lassen, dass er, er allein der unangefochtene Herrscher war!
Um aus diesem Teufelskreis aus Angst und Herrschaftswahn ausbrechen zu können, verfiel Hari immer mehr und mehr dem Opium. Opium und schöne Frauen waren es, womit er sich beruhigte. Sein Harem wuchs ebenso wie seine Sucht. Der Rausch schützte ihn vor der Vorstellung, seine Macht verlieren zu können und vor der Angst vor der Rache seines Volkes.
Nun begab es sich aber, dass der Osmanische Schah sein Reich vergrößern wollte. Das Osmanische Heer drang immer tiefer in den asiatischen Kontinent ein, rückte vor bis an den Himalaja und war bestrebt, das Gebirge zu überqueren.
Hari befehligte zwar ein Heer, er wusste aber, dass es der sarazenischen Streitmacht nicht gewachsen war.
Die Angst ging über in Verzweiflung und nur dem Opium war es vergönnt, den Raja von seinen Sorgen abzulenken, dem Opium und der Anmut einer schönen Frau, eine ganze Nacht lang; ging die Sonne jedoch wieder auf, waren die Sorgen nur umso größer und die Verzweiflung nur um so niederschmetternder.

Eines Tages traf ein arabischer Abgesandter am Hofe Haris ein. Er sei voraus gesandt worden um mit Hari einen Plan auszuarbeiten, wie es gar nicht erst zu einem Krieg kommen müsse. Er hatte Geschenke mitgebracht und machte Hari Zugeständnisse, was sich verbessern würde und dass er vielleicht sogar unter der Krone des Schahs weiter als Raja herrschen könnte. Haris Berater schlugen ihm vor, auf den Vorschlag des Schahs einzugehen. So müsse es gar nicht zu einem Krieg kommen und Hari ging darauf ein.
So kam es dazu, dass der Schah die Regierung in Haris Land übernahm und dieser trotzdem Raja bleiben konnte.
Schon bald war arabisches Militär in Haris Land. Der Schah sorgte dafür, dass ersichtlich wurde, um wessen Land es sich handelte. Er ließ große Teile seines Volkes nach Indien ziehen. Und die Araber brachten auch eine neue Religion mit sich. Sie glaubten nur an einen Gott und ihr Glaube ersetzte allmählich den Hinduismus sowie den Buddhismus in Haris Herrschaftsgebiet. Hari selbst hat sich nie um Religion, Götter und das Jenseits Gedanken gemacht und er war nicht gewillt, jetzt damit anzufangen. Aber die neue Religion war streng. Moscheen wurden gebaut und die neuen religiösen Führer ließen verlautbaren, dass es keinen Gott außer ihrem Gott gab und geben dürfe. Von der Anbetung ganz zu schweigen.
Alsbald stellte der Schah Hari und allen anderen Rajas unter osmanischer Herrschaft einen Imam zur Seite, der dafür Sorge tragen sollte, dass an jedem Hof der Schah der Herrscher war. Resul war der Name des Geistlichen, der Hari zur Seite gestellt wurde. Hari mochte ihn. Er war ein guter Freund und ein weiser Mann, der es zwar nicht schaffte, Hari von Enthaltsamkeit bezüglich des Opiums oder der Frauen zu überzeugen, aber die anderen Ratschläge befolgte der Raja gerne.
Und er konnte ihn sogar davon überzeugen, sich eine arabische Frau zu nehmen. Resul hatte eine der schönsten Fürstentöchter aus dem ganzen arabischen Raum für Hari vorgesehen. Sie war die Tochter eines Fürsten, der wie Resul aus Ägypten kam und dem Schah treu ergeben war. Ablah war ihr Name und als Hari sie sah, willigte er sofort ein, sie zu heiraten.
Er ließ ein großes Fest veranstalten zur Feier seiner Hochzeit und wochenlang wurde an Haris Hof gefeiert. Es wurde getanzt, getrunken und gelacht und des Nachts vergnügte Hari sich mit Ablah, seiner Angetrauten.
Unter der Bevölkerung war die Freude aber nicht zu spüren. Hari presste sie weiterhin aus, zwang ihnen hohe Abgaben ab und unterjochte sie nach wie vor.

Eines Abends, Hari saß mit Resul bei Tisch, stellte ihm Resul einige Tänzerinnen vor, von denen er sagte, sie seien die besten im ganzen osmanischen Reich und sie tanzten für den König.
Unter ihnen war eine, die anders war als die anderen. Sie zog Haris Blick immer wieder auf sich. Er vergaß die Welt um sich herum, wenn er sie sich bewegen sah und er musste diese Frau ansehen. Er konnte nur schwer den Blick abwenden und wenn er’s doch tat, drehte er kurz darauf wieder den Kopf zu ihr. Schließlich fragte er Resul, wer diese Tänzerin sei. Resul gab zu, er wisse nicht besonders viel von ihr, ihr Name sei Najwa und sie käme aus der libysch-ägyptischen Wüste.
Hari war verzaubert von ihrem schlanken, wohlgeformten Körper, ihrem geheimnisvollen Tanz, den schwarzen Haaren, die wenn das Licht günstig auf sie fiel, rot zu schimmern schienen und den Augen, die wie grünes Feuer unter dem Schleier leuchteten.
Dies war die erste Nacht seit zwei Wochen, in der Hari nicht bei seiner Gemahlin lag. Er ging in einem der Palastgärten auf und ab und wurde sich von Augenblick zu Augenblick sicherer, dass das was er für diese Tänzerin verspürte, mehr war und stärker war, als alles, was er jemals gespürt hatte. Als die Sonne aufging, suchte er Resul auf und befahl ihm, dafür Sorge zu tragen, Najwa in des Rajas Harem aufzunehmen.

Resuls Rede

Resul suchte den Raja in einem seiner Gemächer auf, indem dieser an einer Opium-Wasserpfeife zog und eine Kurtisane musizieren ließ. Eine zweite lag neben ihm auf dem Kissen und schob ihm in unregelmäßigen Abständen eine Weintraube in den Mund oder reichte ihm den Kelch mit Wein.
»Warum?«, sprach Resul, nachdem er grußlos eingetreten war. »Ihr habt einen großen Harem, mein König und eine Königin, um die Euch die Welt beneidet. Warum wollt Ihr noch mehr? Ihr solltet glücklich sein, mit dem was Ihr habt. «
Haris Augen zuckten und er begann zu schwitzen. »Ich werde nicht glücklich ohne diese Frau.«, erklärte er in einem zornigen Tonfall, während er sich aufrichtete und im Schneidersitz sitzen blieb.
Resul musterte den Herrscher und antwortete schließlich: »Euer Hoheit, lasst mich Euch warnen. Ich komme aus einem Land, in dem es Geheimnisse und Gefahren gibt, von denen Ihr nichts wisst. Ich habe diese Frau auch bemerkt und ihre Anmut bewundert. Sie ist schön, das ist wahr, aber habt Ihr in ihre Augen gesehen? «
Hari war etwas verwundert, bejahte aber und Resul fuhr fort: »In ihren Augen leuchtete etwas, das mir so fremd war, dass ich mich ängstigte. Höret:
Im Süden des Reiches des Schah, bei den Heiligen Städten der Muslime, erzählt man sich von Kreaturen, die in einer unsichtbaren Welt leben. Für die Menschen nicht sichtbar, aber dennoch existent: die Dschinn; Geisterwesen, die sich den Menschen nur äußerst selten zeigen. Sie sind zwar nicht von Grund auf böse oder den Menschen gefährlich, aber es bedeutet häufig nichts Gutes, wenn sie sich den Menschen zeigen. Man sollte einem Dschinn besser aus dem Weg gehen und ihre Gegenwart meiden. Es sind magische Wesen und Zauberei ist gefährlich, da sie kein Mensch jemals beherrschen kann. – Nein, Magie wird stets den Menschen beherrschen. Nie umgekehrt.
Des Weiteren gibt es in meiner Heimat, im Westen des Reiches des Schah, die Geschichte einer Zauberin, die in der Wüste lebt. Ihr Name ist Morgana. Sie führt Wandernde absichtlich in die Irre, lässt sie sich in der Wüste verlaufen, gaukelt ihnen ihre Rettung oder ihre kühnsten Träume vor und lässt sie schließlich im ewigen Sand verdursten, nachdem sie von der Hitze wahnsinnig geworden sind. Sie baut ihnen Dörfer, Oasen und wahre Schlösser und Paläste in den Sand, die sie versuchen zu erreichen und wenn sie sie erreicht haben, vernichtet Morgana diese Bilder, diese Rettung und tötet die Narren, die ihr in die Falle gingen. Sie kann die Realität nicht verändern, aber sie kann Trugbilder schaffen, Trugbilder, die nichts als Verderben, Tod und Pein bringen. Sie kann niemanden erretten, aber sie will auch niemanden erretten.
Im Zentrum des Reiches des Schah, bei den Heiligen Stätten der Juden, gibt es die Sage von einem Dämon, einem weiblichen Gespenst, das in Steppen und kleinen Hainen leben soll. Es handelt sich um einen Dämon, der in Gestalt einer wunderschönen Frau Männer aufsucht, sie an sich bindet und von sich abhängig macht, nur um sie bald darauf grausam und unter großem Leid umzubringen. Ihr Name ist Lilith.
Mein König vergebt mir, aber ich rate Euch, Euch von Najwa fernzuhalten. In ihren Augen brennt etwas, das mich an die Dschinn, an Morgana und auch an Lilith denken lässt. Schickt sie fort. Sie ist schön, das weiß ich. Aber lasst Euch von ihrer Anmut nicht blenden. Wie die Welt der Dschinn ist es für uns nicht zu sehen, aber das Unheil, das Najwa bringt, ist da und es wird kommen, da bin ich mir sicher. Wie die Bilder, die Morgana in die Luft zaubert, ist wie Najwas Schönheit nur Lug und Trug. Und wie Lilith Männer umgarnt, so beginnt Najwa schon damit, Euch an sich zu binden.«

In dieser Nacht begab sich Hari zwar in sein Schlafgemach, aber an Schlaf war nicht zu denken. Er dachte über Resuls Worte nach und konnte beim besten Willen nicht einschlafen. Aber es waren nicht Resuls Geschichten von den Dschinn, der Zauberin Morgana oder dem Dämon Lilith, die dem König den Schlaf raubten. Es waren andere Worte, die Resul gesagt hatte und die dem Raja im Opiumrausch wie im Fieber immer wieder durch den Kopf gingen:

Ich habe die Frau bemerkt

ich habe ihre Anmut bewundert

Sie ist schön

Narren

von Najwa fernhalten

Schickt sie fort

Sie ist schön

Najwas Schönheit

Schweißgebadet schreckte Hari schließlich hoch. Resul war das Problem. Resul war in diese Frau verliebt. Resul wollte sie für sich haben. Resul musste beseitigt werden. Resul musste sterben!