Die Nacht war sternenklar. Der Mond leuchtete beinahe so hell wie die Sonne es bei Tag tat. Ein warmer Wind wehte und ließ die fernen Baumwipfel des Dschungels rauschen. Unheimliche Geräusche drangen aus dem Urwald. Nachtvögel waren zu hören, Wölfe heulten in einiger Entfernung. Hari stand auf einer Terrasse des Palastes und blickte in die Dunkelheit des dichten Dickichts des Waldes. Er wusste, dass jetzt die Zeit war, in der die wilden Tiere jagten. Der Panther, der wegen seines schwarzen Fells aus der Finsternis springen konnte, würde eine Gazelle reißen. Der Tiger, dessen gestreifter Pelz zwischen den Schatten der Bäume unsichtbar war, würde einen jungen Büffel töten.
Und wenn die Sonne aufgeht, wird es drei Tote geben., dachte Hari und nahm einen Schluck aus dem Weinkelch in seiner Hand. Er wird sie mir nicht wegnehmen können.
Er hörte Schritte den Flur durchschreiten und hielt die Luft an, wartete, bis nur noch die Geräusche des Dschungels zu hören waren. Dann drehte er sich langsam um und begab sich in sein Gemach, legte sich schlafen.
Als er am nächsten Tag erwachte, saß Ablah schluchzend auf seiner Bettkante. Er sah sie an und richtete sich auf. »Was quält Euch?«, fragte er und setzte sich an die Bettkante neben sie. Er nahm sie in den Arm und drückte sie an sich.
»Resul ist tot.«, presste sie stimmlos zwischen zwei Schluchzern hervor.
»Resul? «
»Ich bat einen Bediensteten heute Morgen, ihn zu mir zu bringen und er überbrachte mir die Nachricht. Er lag tot im Bett und scheint einfach eingeschlafen zu sein. «
Hari sagte nichts. Was hatte ihn dazu gebracht, Resul vergiften zu lassen? Der Wein? Das Opium? Najwa fiel ihm wieder ein und er sah ihre grün glühenden Augen vor sich. Das Bild in seinem Kopf lächelte ihn an und zwinkerte ihm zu. Natürlich! Er wollte sie mir wegnehmen, aber sie gehört mir.
Er saß noch eine Weile schweigend neben seiner Königin und sagte schließlich: »Wir werden Resul eine prachtvolle Beerdigung nach den Riten seines Glaubens zuteilwerden lassen.«, er erhob sich um sich einzukleiden und verließ dann mit der immer noch schluchzenden Ablah sein Schlafgemach.

Er veranlasste, man möge eine Beerdigung vorbereiten, die einem König gerecht werde und beauftragte heimlich einen seiner Wesire damit, Najwa in seinen Harem aufzunehmen.
Noch in derselben Nacht verlangte er, Najwa zu sehen und des Rajas Wunsch wurde erfüllt.

Monate waren seit Resuls Beerdigung vergangen. Niemand am Hof fragte mehr nach ihm. Niemand wagte es. Hari verhängte sogar Strafen, dafür Resuls Tod anzusprechen und ließ später sogar bestrafen, wer nur seinen Namen aussprach. Najwa war in seinen Harem aufgenommen worden und er verbrachte Nacht für Nacht mit ihr. Ablah, seine Königin, von seinen anderen Nebenfrauen ganz zu schweigen, beachtete er nicht mehr. Sein Leben bestand nur noch aus Opium – und Najwa.
Nacht für Nacht ließ er sie zu sich bringen und er vergnügte sich mit ihr. Doch nicht nur das. Sie kam ihm sehr viel gebildeter und weiser vor, als jede andere Person bei Hof. Sie konnte musizieren, singen, schreiben und lesen, tanzen und beherrschte die gepflegte Kommunikation. Er redete gern mit ihr. Er schlief auch gern mit ihr. Er verbrachte gerne Zeit mit ihr. Viel lieber als mit irgendjemand anderem. War Najwa nicht in seiner Nähe, übermannte ihn eine unvorstellbare Sehnsucht, die er versuchte mit immer stärkeren Opium-Dosen zu unterdrücken, was aber nichts nützte. Zumeist ersetzte er die Sehnsucht nur für ein paar Stunden mit dem Opium-Rausch und wenn er daraus erwachte, musste Najwa bei ihm sein, da er sich sonst nicht beruhigen konnte. Und sie war bei ihm. Immer.

Das Sterben der Königin

Eines Tages begab es sich, dass Najwa erneut zum Raja gerufen wurde. Sie machte sich auf und durchschritt die langen, abgedunkelten, kühlen Gänge auf dem Palastgelände, durch die Palastgärten, auf dem Weg in den Palast. Es war früher Nachmittag. Die Sonne hatte ihren Zenit verlassen und die Hitze des Mittags hatte nachgelassen. Dennoch war es außerhalb der Palastmauern drückend heiß. Doch hier im Schatten, umgeben von Brunnen und Pflanzen, war es angenehm kühl. Ein sanfter Wind wehte durch die Gänge und zupfte behutsam an Najwas Kleid, streichelte ihr Haar und ließ die dünnen, hellen Gardinen, die dem Korridor teilweise als Wand dienten, leicht tanzen. Die Sonne schien durch die Gardinen hindurch und färbte so den Raum dahinter in der Farbe der Gardine. So trat Najwa in einen gelben Teil des Korridors, dann in einen blass-blauen, dann in einen hellroten, dann wieder ein einen gelben. Ab und an musste sie für zwei Schritte die Augen zusammen kneifen, das waren die Stellen, an denen keine Gardine hing, durch die man durch den Korridor in den Garten treten konnte.
Sie summte ein ruhiges Lied in einer sehr hohen Tonlage.
Jemand anders war nicht zu sehen. Selten begegnete sie jemandem auf dem Weg zu Hari. Zwar verband den Hauptpalast und den Harem nur ein Gang, den nur die Kurtisanen nutzten, aber selbst wenn sie in den Palast trat, begegnete ihr nur sehr selten eine andere Person. Weder Wesire, noch Zauberer, Berater oder Schreiber des Rajas kamen ihr entgegen. Abgesehen von den beiden Wachen, die vor Haris Gemach oder dem Thronsaal standen sowie den Bediensteten in des Rajas Nähe, begegnete ihr so gut wie nie ein anderer Mensch. Nur sehr selten kreuzte ein Sklave oder ein Lakai ihren Weg, aber selbst das war eher die Ausnahme. Najwa gefiel das. Sie mochte die Vorstellung, allein in diesem gigantischen Palast zu sein. Mit einem zufriedenen Lächeln setzte sie summend ihren Weg fort. Sie trat aus dem Korridor und befand sich im Palast. Sie trat ein. Der Steinboden war sehr viel kälter, als der des Korridors. Eine wohlige Kühle lief durch ihre nackten Füße, die Beine herauf und durch ihren Körper. Najwa atmete tief ein, genoss den Augenblick und setzte ihren Weg fort. Sie hatte die Begabung, fast lautlos zu gehen. Ihre blanken Füße machten keinerlei Laute auf dem steinernen Boden unter ihr. Nur ihr hellgrünes Gewand raschelte leise und wie sie fand passend zu der Melodie des Liedes, welches sie summte.
Sie trat von Halle zu Halle, durch Gänge und wieder in eine Halle. Mittlerweile kannte sie den Weg sehr gut. Sie hätte ihn mit geschlossenen Augen gehen können.
Ein fremdartiges Gefühl überfiel sie plötzlich. Schlagartig war es da, fremd und unbekannt. Kurz zögerte sie und blickte sich um. Dann atmete sie tief ein und nahm ihren Weg wieder auf. Sie trat in eine große Halle, von der aus viele Ausgänge in andere Hallen führten. An einem dieser Ausgänge stand Ablah. Sie trug ein dünnes, eng geschnürtes, weißes Gewand, das dadurch ihre makellose Figur betonte. Ihre schwarzen Haare waren zu einem dicken Zopf nach hinten geflochten und auf ihrem Haupt prangte ein kleines, einfaches Diadem, welches silbrig schimmerte.
Najwa blieb stehen, sie hörte auf zu summen, aber das Lächeln verschwand nicht aus ihrem Gesicht. Freundlich sah sie die Königin an.
»Du bist auf dem Weg zu ihm, nicht wahr?«, fragte Ablah mit ernstem Gesichtsausdruck und einem beiläufigen Ton in der Stimme.
Ohne eine Antwort von Najwa abzuwarten, betrat sie den Saal zu dessen Ausgang sie stand.
Najwa folgte ihr zögernd. Der Raum, in den die Königin verschwunden war, war ein kleiner, runder Pavillon, dessen Wände wie der Korridor, den Najwa gerade durchquert hatte, aus Gardinen bestanden, die zwischen Säulen gespannt waren. Die Gardinen waren abwechselnd blau und rot, wodurch in dem Pavillon ein dunkelrotes, aber angenehmes Licht herrschte. In der Mitte des Pavillons war ein großes Becken, welches mit Wasser gefüllt war, auf dessen Oberfläche Blumenblüten schwammen und diese vollständig bedeckten.
Als Najwa in den Raum trat, sah sie noch wie das Gewand der Königin zu Boden fiel und sie in den künstlichen Teich stieg. Sie hinterließ eine Spur im Wasser, die nicht von Blütenblättern bedeckt war. Das Becken war offenbar tief, denn als die Herrscherin sich wieder umdrehte, ragten ihre Schultern nur mit Mühe aus dem Wasser heraus.
Najwa stand am Eingang und sah mit einem freundlichen Gesichtsausdruck auf die Königin herab. Eine kurze Zeit sahen sich beide an, ohne etwas zu sagen.
Schließlich war es Ablah, die hörbar einatmete und fragte: »Nun?«
Najwa hob die Augenbrauen, ihr Gesicht nahm eine fragende Miene an.
»Bist du auf dem Weg zu ihm?«, wiederholte die Herrscherin ihre Frage ruhig.
»Hari hat mich rufen lassen und ich folge dem Befehl meines Königs.«, entgegnete Najwa ebenfalls mit ruhiger Stimme.
Ablah lächelte, aber es war keine Freude in ihrem Gesicht. Sie wendete den Blick ab, immer noch lächelnd. Ihre Augen verengten sich und ein lautes Schluchzen durchfuhr ihren Körper. Sie hob die rechte Hand und presste sie sich gegen die Augen, doch der Rest ihres Gesichts zeigte ihre Verzweiflung eindeutig.
Najwa tat einen weiteren Schritt auf das Becken zu. Ihre Zehen berührten das weiße Gewand, das die Herrscherin vor dem Becken hatte fallen lassen. Najwa spürte die Körperwärme, die noch im Stoff gespeichert war. Ihr Gesicht nahm einen mitfühlenden Ausdruck an und sie ging in die Hocke, sagte aber nichts, sah nur der weinenden Königin zu.
Nach einer kurzen Weile hob Ablah den Kopf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und blickte Najwa ernst an. »Weißt du eigentlich, dass du mich zum Gespött des Hofes machst?«
Najwa antwortete nicht.
»Und nicht nur zum Gespött des Hofes!«, rief die Königin mit zittriger, aber lauter Stimme. »Zum Gespött des Volkes. Zum Gespött meines«, sie zögerte kurz. »unseres Volkes und zum Gespött von Haris Volk. Ich bin das Gespött Indiens. Sie sagen, der Raja schlafe lieber mit seiner Konkubine. Eine Kurtisane wird die Mutter des Nachfolgers des Rajas. Mein Vater hat mich als Tochter aberkannt und selbst der Schah weiß davon, dass eine ägyptische Tänzerin, nicht mehr wert als eine Kurtisane die Geliebte des Rajas ist und dass er, wenn er könnte, sie auf den Thron setzen würde. Aber da sitze ich.«, sie begann erneut hemmungslos zu weinen. Sie senkte den Kopf, verschränkte die Arme aber vor der Brust, sie gab sich also keine Mühe mehr, ihr Gesicht zu verbergen.
Najwa hockte nur da und sah die Königin an.
Diese hörte abrupt auf zu weinen und richtete den Blick auf Najwa. Ihre Tränen glänzten auf ihren Wangen, ihre Augen waren rot und ihre Unterlippe zitterte. »Du bist seine Kurtisane. Vergiss das nicht, seine Konkubine, eine Hure, nichts weiter!«
Najwa schwieg.
»Willst du nicht antworten?«, rief Ablah.
Najwa begann zu lächeln. Ihre weißen Zähne blitzen hinter den roten Lippen auf. »Das mag sein.«, sagte sie leise, aber sehr bestimmt. »Ich bin seine Kurtisane. Aber er ist mein Knecht.«
Mit einem hinterhältigen Lächeln musterte Najwa die Frau mit in dem Becken.
Diese sah Najwa mit aufgerissenen Augen an. Laut holte sie Luft und hauchte dann: »Versprich mir, dass du ihn glücklich machen kannst.«
Mit diesen Worten zog sie einen Dolch, den sie unter den Blütenblättern verborgen gehabt haben muss, aus dem Wasser hervor, setzte ihn mit festem Blick in Najwas Gesicht an ihre Kehle und zog ihn mit einem Ruck zur anderen Seite ihres Halses.
Eine Blutwelle schoss aus dem klaffenden Schnitt in ihrem Hals. Sie zuckte kurz und brach dann zusammen, ging unter im Wasser. Das Diadem rutschte ihr vom Kopf und verschwand in der Flüssigkeit, die sich allmählich rot färbte.
Najwa hockte immer noch da. Regungslos und emotionslos beobachtete sie wie sich das Blut in dem Becken ausbreitete.
Sie erhob sich langsam, ging Schritt für Schritt am Rand des Beckens entlang zu der Stelle, an der die Königin im Wasser untergegangen war. Sie hockte sich dort erneut hin und griff ins blutige, von Blüten bedeckte Wasser, zog Ablah an ihrem Zopf heraus und legte den toten Körper, aus dessen Kehle immer noch Blut sprudelte an den Rand des Beckens.
»Da liegst du nun«, flüsterte Najwa, »und verblutest. Und du bist immer noch so schön. So viel Schönheit – und so viel Blut. Eine Schande!« Najwa richtete ihren Blick auf die toten, braunen, glanzlosen Augen, die starr an die Decke des Pavillons blickten. »Eine Verschwendung… Blut ist der Ursprung, der Ursprung von allem. Ohne Blut, keine Schönheit. Ohne Blut, keine Liebe. Ohne Blut, kein Leben. Das gilt für uns alle.« Najwa senkte ihr Gesicht, soweit dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten und sah der Toten in die Augen. »Das gilt für uns alle.«, wiederholte sie. »Für Euch wie für mich.«
Sie schloss die Augen und küsste die toten Lippen der Herrscherin. Als sie die Augen öffnete, richtete ihr Blick sich nach unten. Noch immer floss Blut aus dem Hals Ablahs, wenn auch mit viel weniger Schwung als zuvor. Ein letztes Mal ließ sie ihren Blick über den wunderschönen, blutarmen Körper, vom Scheitel bis zur großen Zehe, schweifen. Dann senkte sich ihr Gesicht.

Die Kurtisane des Rajas

Hari öffnete die Augen, als er hörte, dass sich die Tür öffnete. Er lag auf einem weichen Lager, trug eine beige Pluderhose und ein dunkelblaues, weites Hemd. Die Wasserpfeife neben dem Lager war erloschen. Offenbar hatte Hari geschlafen.
Die Sonne hatte bereits eine rote Farbe angenommen und sich dem Horizont bedrohlich genähert. Sie überzog den Himmel mit einem spektakulären Farbenspiel, welches den Himmel um das Tagesgestirn golden scheinen ließ, unterbrochen von rosafarbenen und violetten Wolken. Das Gold lief über in ein sattes Blau, welches wiederum am gegenüberliegenden Horizont einem so dunklen Schwarz-Blau gewichen war, dass man im Osten die ersten Sterne schon funkeln sah.
Najwa trat ein und schloss die Tür hinter sich. Hari war allein. Niemand sonst war hier. Najwa deutete eine Verbeugung an, sowohl als Begrüßung, als auch als Entschuldigung für ihre Verspätung.
Hari richtete sich grußlos auf und sah Najwa ernst an. Sie machte einen zögernden Schritt auf ihn zu. Der Raja drehte sich zum Balkon, sodass ihm die Sonne direkt ins Gesicht schien. Er ging zur Brüstung, vor der ein kleiner Tisch mit einer Weinkaraffe und zwei Kelchen darauf stand. Er griff nach einem der Kelche und schenkte sich Wein ein, nahm einen Schluck und stützte sich auf die Brüstung. »Du kommst spät.«, sagte er tonlos.
Najwa sah das als Aufforderung, zu ihm zu kommen. Sie stellte sich schräg hinter ihn und legte ihre Hand in seinen Nacken, streichelte ihn.
»Vergebt mir.«, flüsterte sie und er hatte ihr schon vergeben, bevor sie das erste Wort ausgesprochen hatte.
Eine Weile standen beide schweigend da. Hari trank den Wein und beobachtete wie die blutrote Sonne sich hinter den Horizont schob. Najwa stand hinter ihm und liebkoste mit ihren Fingern seinen Nacken und Hinterkopf. Er seufzte.
»Bedrückt Euch etwas, mein Gebieter?«, fragte sie und ihre Stimme klang so rein, klar und unschuldig, dass sie ihn mit Sehnsucht erfüllte –noch mehr Sehnsucht, als er ohnehin verspürte.
Er drehte sich um. Das Licht der Sonne ließ ihre Haare, die der Wind sanft zu streicheln schien, wie rotes Gold leuchten, ihre Augen glühten in der ihm so bekannten Weise wie grünes Feuer und die Zähne zwischen den vollen Lippen, die sich lächelnd geöffnet hatten, strahlten vor makellosem Weiß. Das ebenfalls weiße Gewand, welches sie trug, bildete einen wunderschönen Kontrast zu ihrer dunklen Haut.
Das wunderschöne Bild einer Frau, das sich ihm in diesem Licht bot, raubte ihm buchstäblich für einen Augenblick den Atem. Er nahm einen Schluck Wein, räusperte sich dann und nickte mit einem zurückhaltenden Lächeln. »Ja«, sagte er mit rauer Stimme. »Ich habe Angst.«, gab er zu.
»Was ängstigt Euch?«, fragte Najwa.
»Es wird vermutlich das Opium sein, aber ich träume schreckliche Dinge. Ich habe Visionen von Rebellionen des Volkes mit Unterstützung der arabischen Armee im Land. Dem Schah wäre das Recht, er weiß, dass mich das Opium beherrscht; Resul, der Verräter hat ihn davon in Kenntnis gesetzt. Er weiß, dass ich schwach bin und deshalb duldet er mich. Das Volk weiß ebenfalls, dass ich schwach bin. Es wartet nur auf die passende Gelegenheit, mich abzusetzen. Aber ich bin nicht schwach! Ich darf nicht schwach sein.« Hari war mit jedem Wort lauter geworden, seine Stimme hatte sich beinahe überschlagen und er begann am ganzen Leib zu zittern. Er stand vor der Kurtisane, den Blick auf den Boden gerichtet, die Haare hingen ihm in feuchten Strähnen ins Gesicht, er schwitzte. Seine Hände stützten sich auf der marmornen Balustrade hinter ihm ab. Sein ganzer Körper bebte.
Najwa griff ihm an die Wange, hob sein Gesicht an, sodass er sie ansah. Sie streichelte seine Wange, kam näher, stand direkt vor ihm und er verging in ihrem Anblick und ihrer Berührung. Die schöne Frau gab Hari einen langen Kuss auf den Mund, dann schlang sie ihre schlanken Arme um ihn und drückte sich an seinen Körper.
»Ihr seid nicht schwach.«, flüsterte sie nach einer Weile in sein Ohr. »Wisst Ihr, ich weiß einen Weg, Euch die Stärke spüren zu lassen, nach der es Euch so verlangt.«
Hari riss den Kopf herum und presste seine Lippen auf ihre. Nach einer Weile löste sie sich von seinem Kuss und fuhr mit einem sanften Lächeln fort: »Wünscht Ihr, dass ich Euch die Macht des Opiums nicht mehr spüren lasse?«
Hari nickte hastig und bejahte, woraufhin er sein Hemd auszog und Najwa in Richtung des Lagers zog. Sie ließ sich ziehen und sprach in der selben Ruhe weiter: »Ich kann Euch die Macht geben, die Euer Volk von Euch verlangt, ich kann Euch zu einem Mann machen, den selbst der Schah fürchtet.«
Hari blickte sie an. Das anmutige Gesicht lächelte.
Er setzte sich auf das Bett und sie neben ihn.
»Wollt ihr die Macht spüren, die nur ich Euch geben kann?«, sagte sie ein wenig lauter als zuvor.
Er hauchte ein »Ja« und machte sich daran, Najwa das Gewand auszuziehen. Sie ließ es geschehen und fragte: »Seid Ihr wirklich bereit dafür?«
Er nickte hastig mit dem Kopf.
»Aber ich verlange dafür etwas.«, sprach sie weiter. »Ihr müsst mich als Eure Herrin akzeptieren.«, flüsterte sie, während das weiße Gewand zu Boden fiel.
»Das tue ich.«, erklärte Hari, der sie an sich presste und versuchte sie zu küssen.
Ihre Lippen trafen sich, Najwa küsste seine Wange und ließ ihre Lippen hinab zu seinem Hals wandern.
Fast wie im Rausch wurde Hari schwindelig. Er legte sich hin und wie Blei drückte sich der Schlaf auf seine Augen, er konnte ihm nicht widerstehen. Das letzte, was er spürte war, dass sich ihre weichen Lippen an seinem Hals festgesaugt hatten – und dass sich ihre spitzen Zähne durch die Haut in seine Halsschlagader gebohrt hatten.

Epilog

Hari erwachte. Es herrschte stockfinstere Nacht. Die Geräusche des Dschungels drangen nur gedämpft zu ihm und er hatte den Drang gähnen zu müssen, um den Druck auf den Ohren loszuwerden. Er blinzelte mehrmals. Sein Sehvermögen hatte ebenfalls nachgelassen. Nur mit Mühe konnte er etwas erkennen, obwohl die Fackeln an der Wand die Terrasse beleuchteten. Jeder Knochen tat ihm weh und er hatte schrecklichen Durst. Er richtete sich taumelnd auf und torkelte vorsichtig zu der Weinkaraffe an der Brüstung.
Auf der Oberfläche des Weins schwammen zwei tote Fliegen, die vermutlich von dem süßen Duft angezogen worden waren. Das störte Hari aber nicht. Er setzte die Karaffe an und stürzte den Wein hinunter.
»Du bist erwacht?«, hörte er Najwas Stimme und sah sich um. Er konnte die Frau aber nicht entdecken. Dabei hatte er ihre Stimme in unmittelbarer Nähe vernommen. Verwirrt sah er auf die leere Weinkaraffe in seinen Händen. Der Durst hatte nicht nachgelassen.
»Du hast Durst, nicht wahr?« Najwas Stimme war ganz nah.
Hektisch drehte er sich im Kreis. Er konnte die schöne Frau nicht sehen und es ärgerte ihn, dass sie offenbar mit ihm spielte.
»Was geschieht hier?«, fragte er mit brüchiger Stimme. »Wo bist du?«, er stützte sich nach hinten auf der Brüstung ab und ließ seinen Blick immer wieder durch das Gemach schweifen. Es gab kaum Möglichkeiten, sich in dem weißen Raum zu verbergen. Ein paar Säulen, aber warum sollte sie dahinter stehen? Außerdem erklang ihre Stimme zu nahe bei ihm, um sich dort versteckt zu halten. Hari kauerte sich hin, drückte sich mit dem Rücken gegen das Geländer und sah sich um. Er kniff mehrmals die Augen zusammen und riss sie wieder auf, aber das änderte nichts.
»Wo?«, flüsterte er.
»Hier«, hörte er ihre Stimme ganz leise – und über sich. Hari legte den Kopf in den Nacken. Und was der dann sah, erfüllte ihn mit fürchterlichem Entsetzen. Najwa hing an der Wand. Fingerspitzen und Zehenspitzen berührten den Marmor und schienen daran zu haften. Wie eine Spinne kletterte sie kopfüber an der Schlossmauer hinab, Streckte den Arm aus, setzte die Hand an die Mauer und zog, flink wie eine Eidechse, ihren Körper hinterher. Das weiße Gewand und ihre dunklen Haare flatterten wie eine Flagge an einem Fahnenmast im kalten Wind. Das schöne Gesicht lächelte Hari zu. Es war das ihm bekannte, freundliche, gütige Lächeln, das ihn bis jetzt immer gewärmt und getröstet hatte, wenn es ihn auch mit großer Sehnsucht erfüllte. Doch jetzt erfüllte es ihn mit Abscheu. Er erzitterte. Furcht floss durch seinen Körper und er hatte das Gefühl, dass sein Blut zu Eis gefror.
Najwas Lächeln wurde breiter, ihre weißen Zähne glitzerten im Mondlicht.
Unvermittelt ließ sie sich von der Wand fallen und landete geschmeidig wie eine Katze auf ihren Fußballen, ohne einen Laut zu machen. Sie ging in die Hocke und sah Hari in die Augen. Ihr Mund lächelte gütig, ihre Augen strahlten Sanftheit, Verständnis und Mitleid aus. Aber Hari spürte davon nichts. Er sah in Najwa eine Bestie, einem Tiger gleich, der im Dickicht lauert, um zu seiner Zeit zu springen und seine Beute zu reißen.
Eine Weile saßen beide regungslos da und sahen sich an. Der Raja, in sich zusammengekauert und verängstigt wie ein Kind und ihm gegenüber die Kurtisane, kniend wie eine Kriegerin, die den Angriff vorbereitet.
Najwa erhob sich, richtete sich vor Hari auf, stemmte die Fäuste in die Seiten und fragte: »Wie fühlst du dich?«
Hari wollte schlucken. Aber sein Mund und sein Rachen waren so trocken, dass er stattdessen würgte. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen und begann zu husten.
»Du hast Durst, nicht wahr?«, wiederholte Najwa ihre Frage.
Hari nickte.
Najwa lächelte, ließ die Arme fallen und tat einen kleinen Schritt nach vorne. Diese kurze Bewegung war so voller Anmut, dass Hari das Gefühl hatte, sie wolle beginnen zu tanzen. Najwa griff nach einem der gläsernen Kelche auf dem Tisch neben Hari, hielt ihn mit Daumen und Mittelfinger fest und drehte das Handgelenk, sodass der Fuß des Kelches sich im Kreis drehte. Das Mondlicht glitzerte in dem aufwendig gestalteten Glas. Najwa blickte wie verträumt auf das Lichtspiel zwischen ihren Fingern und sagte mit einem Tonfall, der klang, als spräche sie mit sich selbst: »Kein Wasser der Welt wird deinen Durst zu stillen vermögen. Kein Wein und anderes starkes Getränk. Kein Saft von Früchten und auch nicht der Regen oder der Tau beim Morgengrauen wird fähig sein, deinen Durst zu stillen.« Abrupt hörte sie auf, das Glas zu schwenken und umfasste es mit der ganzen Hand. Erneut ging sie in die Hocke und jetzt war ihr Gesicht eine halbe Armlänge von dem des Rajas entfernt. »Du wirst verdursten.«, flüsterte sie.
Haris Augen füllten sich mit Tränen, die Wut und die Verzweiflung ließ seinen Körper beben, aber die Angst drückte ihn schwer wie Blei auf den Boden.
»Es sei denn«, fuhr Najwa fort, da knackte und splitterte es. Klirrend war das Glas in Najwas Hand zerborsten, nachdem sie zugedrückt hatte.
Hari richtete seinen Blick auf die Scherben auf dem Boden. Ein Tropfen Blut fiel in das Glas. Noch einer, noch einer und ein weiter. Immer schneller tropfte das Blut zu Boden, umfloss das Glas und breitete sich aus.
Hari hob seinen Blick an und schaute voller Entsetzen auf Najwas Hand. Das Handgelenk ruhte auf ihrem Knie, die Handinnenfläche war aufgeschnitten. Ein stetiges, dünnes, aber nicht versiegendes Blutrinnsal floss nun abwärts und bildete einen See aus Blut, aus dem die Scherben wie durchsichtige zerklüftete Felsen aufragten. Auf Najwas weißem Gewand waren knapp über dem Saum kleine rote Punkte zu sehen. Der Raja hob seinen Kopf und sah in das Gesicht seiner Kurtisane, die ihn teilnahmslos anlächelte. Sie drehte ihre Handfläche nach oben und hob sie vor ihr Gesicht. Das Blut floss an ihrem Unterarm herab und färbte den weißen Stoff auf ihrem Oberschenkel und ihrer Taille rot.
Mit der anderen Hand entfernte sie zwei Glassplitter aus ihrer Handfläche. Und ließ sie klimpernd neben sich fallen. Dann streckte sie den Arm und hielt die blutende Hand vor das Gesicht des Rajas. Er sah sie entgeistert an.
»Es sei denn, du trinkst das.«
Hari war wie gelähmt vor Schauder und Entsetzen, die Augen weit aufgerissen starrte er Najwa ins Gesicht. Das Lächeln auf ihren Lippen war erstorben. Ernst, beinahe streng sah sie ihn an und hielt ihm weiterhin ihre blutende Hand entgegen. Die rote Flüssigkeit lief durch ihre Finger, über den Handballen und den Arm hinab.
Des Rajas Blick fiel wieder auf die blutende Hand. Verwundert stellte er fest, dass von dem Blut ein Duft in seine Nase stieg, den er nicht erwartet hatte und den er nicht kannte. Es roch angenehm. Er richtete den Kopf nach vorne und sog den Duft ein. Das Blut roch gut. Hari konnte sich nicht wehren, er wollte – er musste dieses Blut kosten. Er öffnete seine Lippen einen winzigen Spalt breit und küsste Najwas Handinnenfläche. Das Blut kribbelte auf seinen Lippen. Er fuhr mit der Zunge über seine Lippen und schluckte den Geschmack. Er musste mehr davon haben. Er öffnete den Mund weiter und legte ihn an Najwas Hand. Das Blut füllte seinen Mund und er trank. Er wurde immer gieriger, umgriff mit beiden Händen ihr Handgelenk und sog ihren Lebenssaft ein. Nach ein paar für den Raja viel zu kurzen Augenblicken, entriss Najwa ihm ihre Hand und stand auf.
Hari sah sie an und zog sich am Geländer hoch.
»Gib mir deine Hand!«, befahl er.
Najwa sah ihn an, hob ihre Hand und schlug ihm mit dem Handrücken ins Gesicht. Die Wucht dieses Schlags riss den Raja herum, Sein Becken krachte gegen den Tisch, er stürzte darüber, und fiel auf der anderen Seite auf den Boden. Auf dem glatten Marmor kam sein Körper nicht sofort zum Halten, sondern er rutschte noch ein paar Schritte weiter und blieb auf dem Rücken liegen. Er stöhnte und wollte den Kopf heben, da spürte er Najwas Hand an seiner Stirn, die seinen Kopf mit unvorstellbarer Kraft herunter drückte, sodass sein Schädel mit einem lauten Knall auf den Marmor traf.
Najwas Gesicht tauchte kopfüber über dem seinen auf. »Was glaubst du, wer du bist?«, fauchte sie. »Wie kommst du darauf, dass du mir Befehle erteilen darfst? Hast du schon vergessen? Du bist mein Knecht. du hast Mich darum gebeten, du hast Mich als Herrin akzeptiert. du dienst Mir! Und wenn ich dir die Großzügigkeit erweise, dich an meinem Blut zu stärken, hast du nicht das Recht, mehr zu fordern. Du kannst dich als glücklich erweisen, wenn ich es dir gestatte, dich in Zukunft von menschlichem Blut zu ernähren. Du bist ab jetzt nicht mehr wert als ein räudiger, streunender Hund; vergiss das niemals. Ich bin deine Herrin!«
Najwa stand auf. Und ging.