Die Sage von dem Raja und dem Ghul

In Indien lebte einst ein Raja, der ein mächtiger Herrscher war. Doch er fürchtete, seine Macht dereinst verlieren zu können. Diese Furcht trieb ihn bis an den Rand des Wahnsinns.
Da erschien ihm eines Tages ein Dämon aus einem fernen Land. Der Dämon versprach dem Raja unvorstellbare, niemals endende Macht. Er würde ewig leben und der mächtigste Herrscher der Welt sein. Doch um sich jung zu halten, müsse er sich vom Blut der Sterblichen ernähren. Der Raja willigte ein und der Dämon verwandelte ihn in seinesgleichen.
So ward der Raja zu einem Wesen der Nacht geworden, welches zwar vermag, den Wölfen, den Ratten, den Fledermäusen, den Motten und dem Nebel zu gebieten, sich aber von lebendigem Blut ernähren muss. Zunächst genoss der Raja seine neue Macht. Im Schutz der Dunkelheit durchreiste er sein Land und fiel über Mensch und Tier her, wann immer ihn die Lust auf Blut überkam.
Doch alsbald stellte er fest, dass ihn sein unsterbliches Leben nicht befriedigte. Alle Speisen, die er aß, schmeckten wie Sand. Allen Wein, den er trank, schmeckte wie Wasser. Selbst das Opium konnte ihm keine Freude mehr bereiten. Im Gegenteil, es ekelte ihn, an der Wasserpfeife zu ziehen, aber die Sucht zwang ihn dazu. Hinzu kam, dass das Sonnenlicht ihm in den Augen brannte und seine Haut stach, sodass er sich bemühte, bei Tag dem Licht am Himmel so gut es ging zu entgehen. Die nächtliche Jagd ließ ihn bei Tage müde werden, sodass er häufig den Tag in seinem Gemach verbrachte.
Seine Wesire hatten mittlerweile längst die Herrschaftsgeschäfte an sich gerissen und regierten an des Rajas statt. Doch das kümmerte ihn nicht.
Der Dämon offenbarte ihm, die Herrscherin der Finsternis zu sein, die alle Wesen der Nacht regierte; so auch ihn. Sein Fühlen, sein Denken, sein Leben, sein ganzes Sein sei von ihrer Gnade abhängig. Daran erinnerte sie ihn stets und ständig.
Allmählich begriff er, worauf er sich eingelassen hatte. Die Ewigkeit langweilte ihn. Sein Blutdurst ängstigte ihn. Das Wesen, in das er sich verwandelt hatte, verabscheute er aus tiefstem Herzen und von ganzer Seele. Nur die Herrscherin der Finsternis hasste er noch mehr als sich.
Eines Nachts ersuchte er eine Audienz bei der Herrscherin der Finsternis und traf sie auf einer marmornen Terrasse im Schein des Mondes an.

Hari und Najwa

NAJWA: Du hast mich gesucht?
HARI: Und ich habe Euch gefunden.
NAJWA: Das hast du. Was wünschst du?
HARI: Ich verlange, dass Ihr mich zurück verwandelt.
NAJWA: Du verlangst? Du beliebst zu scherzen.
HARI: Nein, das tue ich nicht. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas so ernst gemeint wie dieses Anliegen.
NAJWA: Selbst wenn ich wollte, ich könnte dich nicht zurück verwandeln.
HARI: Was?! Wisst Ihr nicht, was Ihr aus mir gemacht habt?
NAJWA: Oh doch, ich weiß, was ich aus dir gemacht habe. Du warst ein Nichts. Ein Wurm, der Angst hatte, zerquetscht zu werden. Tag für Tag quältest du dich aus dem Bett, in ständiger Erwartung, dass dein Volk einen Aufstand gegen dich plant, dass der Schah sein Heer gegen dich sendet, dass du eines Tages sterben könntest. Du wusstest aber, dass eines dieser Schicksale dich früher oder später treffen wird und du wusstest, dass, was immer auch geschieht, dein Nachfolger in jedem Fall mehr geliebt werden wird als du, dass man sich an ihn gerne erinnern wird, während du niemals mehr Erwähnung finden wirst. Von Albträumen geplagt, hast du einen Weg gesucht, dir die Angst erträglich zu machen. Doch du hast ihn nicht gefunden. Ich habe ihn dir gewiesen.
HARI: Du? Du hast ein Ungeheuer aus mir gemacht? Eine schreckliche Bestie, die des Nachts Blut trinken muss, um zu überleben.
NAJWA: Ich wollte dir helfen.
HARI: Ich habe deine Hilfe nicht gebraucht!
NAJWA: Doch, das hast du. Du hast den besten Wein gehabt, die beste Speise, das beste Opium, unermesslichen Reichtum, die schönsten Frauen. Doch es hat dir alles nicht gereicht, du wolltest immer mehr und mehr und noch mehr. Ich gab dir mehr. Ich ließ dir eine Ehre zuteilwerden, wie sie nur die wenigsten Sterblichen erfahren dürfen. Ich habe dir die Freiheit gegeben, nach der du dich gesehnt hast.
HARI: Freiheit?
NAJWA: Ja, Freiheit. Mehr Freiheit, als jeder andere Mensch je erfahren wird. Du und ich, wir sind die unangefochtenen Herrscher. Selbst wenn sich der Schah entscheiden sollte, gegen dich zu Felde zu ziehen, wir werden noch leben, wenn niemand mehr seiner Urenkel gedenkt. Selbst, wenn das Volk gegen dich aufsteht, wir werden noch leben, wenn man ihre Urenkel begräbt. Wir sind unbesiegbar, unerreichbar und unsterblich.
HARI: Wir sind Mörder! Wir müssen morden, um leben zu können!
NAJWA: Morden? Nein. Ist der Tiger ein Mörder, der sich um seine Jungen kümmert? Haben sie kein Recht zu leben, nur weil ein fremder Tod ihr Überleben sichert?
HARI: Sie haben keine andere Wahl.
NAJWA: Wir auch nicht.
HARI: Doch! Doch, ich hatte eine Wahl. Ich habe nicht töten müssen, um zu überleben. Nur du!
NAJWA: Wenn das so ist, dann bist nur du der Mörder. Und du warst bereits einer.
HARI: Nein. Niemals, ich mag ein schlechter König gewesen sein, aber ich war kein Mörder.
NAJWA: Du hast Resul töten lassen.
HARI: Deinetwegen!
NAJWA: Dennoch habe ich es nicht verlangt. Es war deine Entscheidung. Du bist der Mörder.
HARI: Aber du hast Ablah umgebracht.
NAJWA: Genau genommen nahm sie sich das Leben, weil du sie verachtest hast. Du hast sie – wenn auch indirekt – gedemütigt, verspottet und ihr das Leben zur Hölle gemacht. Du bist Schuld. Du bist auch ihr Mörder.
HARI: Ich wollte das alles nicht. Warum hast du mir das angetan?
NAJWA: Ich habe dich nicht gezwungen. Ich habe dich gefragt und du warst bereit.
HARI: Ich habe nicht gewusst, was mich erwartet.
NAJWA: Unwissenheit schützt niemanden.