Es war eine warme Augustnacht. Der Mond war fast komplett zu sehen und die Sterne schienen als würden sie dafür bezahlt werden. Ein leichter Wind wehte, streifte mein Haar und versuchte vergeblich, mein Kleid zum Flattern zu bringen.

Ich schlenderte am Flussufer entlang. Ich hatte die Disko, deren Musik selbst hier noch zu hören war, verlassen. Ich habe frische Luft gebraucht.

Über dem linken Arm lag meine Jacke und über der linken Schulter hing meine Handtasche, in der rechten Hand hielt ich eine Flasche Wodka, aus der ich in unregelmäßigen Abständen große Schlucke nahm.

Als die Flasche bis zur Hälfe geleert war, hörte ich Schritte. Ich sah mich um und wurde einen Mann in einiger Entfernung gewahr. Ich dachte mir nichts dabei und spazierte weiter am Fluss entlang. Sehr bald bemerkte ich aber, dass der Mann sein Schritttempo dem meinen anpasste. Wenn ich langsamer lief, wurde er auch langsamer, wurde ich schneller, beschleunigte er auch seinen Schritt.

Mir war bald klar, dass der Mann mich verfolgte. Ich blieb stehen und drehte mich um. Der Mann war auch stehen geblieben. Ich sah zu ihm herüber. Es war zu dunkel um ihn genau auszumachen, geschweige denn ein Gesicht zu erkennen.

Er zündete sich eine Zigarette an. Ich fixierte den roten Punkt im Schwarz, das über dem Fluss lag.

Er zog ein paar Mal an der Zigarette und ging dann weiter. Ich stand immer noch an derselben Stelle. Mit jedem Schritt, den er tat, schlug mein Herz schneller und die Aufregung kroch mir den Rücken hinauf, über den Nacken und blieb kribbelnd auf meinem Hinterkopf sitzen.

Als er in Hörweite war, nahm ich mit einem großen Schluck Wodka meinen Mut zusammen und rief ihm zu: „Na?“

Er blieb stehen, zögerte, kam dann aber doch näher. Er schnippte die Zigarette weg und blies den Rauch aus dem Mund.

Noch immer hatte er nichts gesagt. Mittlerweile war er so nahe, dass ich mir Sorgen machte. Ich wusste, dass er Gefahr bedeutete.

Ich glaubte, sein Gesicht schon einmal gesehen zu haben. Er war inzwischen keine fünf Schritte mehr von mir entfernt, als er stehen blieb.

„Du bist mir in der Disko aufgefallen.“, sagte er. Bei dem Wort Disko machte er eine kurze Kopfbewegung in die Richtung, aus der immer noch die eintönige Musik dröhnte.

„Ich wollte dich zum Tanzen auffordern, aber du bist so schnell verschwunden.“, fuhr er fort. „Wäre es zu viel verlangt, hier mit dir zu tanzen? Die Musik hören wir ja immer noch.“

„Ist das dein Ernst?“, fragte ich. „Ich will nicht mit dir tanzen.“

„Oh. Und wenn wir uns nur ein wenig unterhielten?“, er machte noch einen langsamen Schritt auf mich zu.

Ich überlegte. Ich sollte Nein sagen. Das wusste ich. Aber ich konnte nicht. Ich fühlte mich einsam und hatte nichts gegen ein wenig Gesellschaft. Ich überwand die vernünftige Stimme, die in mir rief und willigte ein.

Wir setzten uns ans Flussufer. Er  breitete seine Jacke aus und bot mir an, darauf Platz zu nehmen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, waren wir doch sehr bald in ein Gespräch verwickelt.

Es stellte sich heraus, dass er sehr charmant war und es durchaus verstand, einer Frau Komplimente zu machen.

Irgendwann fragte er, ob er auch einen Schluck Wodka haben könnte und wir reichten die Flasche hin und her.

Er erzählte mir von seiner Ausbildung und der Hochzeit seiner Schwester. Und je mehr er trank, desto mehr erzählte er. Schon bald hatte ihm der Wodka sehr zugesetzt und er war sehr betrunken.

Ich erfand eine Geschichte von einer kürzlich beendeten Beziehung, woran ich immer noch zu leiden vorgab.

Bald war nur noch ein Schluck in der Flasche und ich hatte sie in der Hand.

Er griff nach dem Wodka und berührte meine Hand. Ich zuckte, nahm sie aber nicht weg. Er zögerte, aber er umfasste schließlich sogar meine Hand und ich ließ es zu.

Ich wusste, dass es ein Fehler war aber ich ließ es zu. Ich versuchte nicht einmal gegen den Drang anzukämpfen.

Ich drehte ihm den Kopf zu und sah ihn an. Sein Gesicht kam immer näher. Schon roch ich den Rauch in seinem Atem. Es fiel mir schwer, den Ekel zu überwinden und mir nichts anmerken zu lassen.

Unsere Gesichter näherten sich einander. Näher, immer näher.

Nein, das darf nicht sein war mein letzter Gedanke.

 

Seitdem sind fast 20 Stunden vergangen. Ich ziehe meine Wohnungstür zu. Das hätte nicht passieren dürfen. Wie es mir wohl heute Nacht ergehen wird?

Ich lecke mir über die Lippen; schmecke noch sein Blut, mit einem Hauch von Wodka.